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Secretary

USA 2002. R,B: Steven Shainberg. B: Erin Cressida Wilson. K: Steven Fierberg. S: Pam Wise. M: Angelo Badalamenti. P: Doubla A Films, Twopoundbag Prods. D: Maggie Gyllenhaal, James Spader, Jeremy Davies, Lesley Ann Warren u.a.
104 Min. Arsenal ab 25.09.03

Öffentlicher Dienst

Von Franziska Nössig Das lange, grazile Bein einer Porzellanballerina bohrt sich, mit dem kleinen Fuß zuerst, hart und zielstrebig in das weiche Fleisch des Oberschenkels, verursacht dort ein kratzendes, schmatzendes Geräusch. Der anfängliche Schmerz ist nur eine Einbildung, dann folgt eine tiefgehende Befriedigung.

Frisch aus der Heilanstalt entlassen, in der Lee Holloways masochistischen Vorlieben kuriert werden sollten, ist der Vorfall mit der Ballerina ein Rückfall. Der Versuch, sich mit Hilfe des Schmerzes in einen eigenen Kosmos zu flüchten. Doch die Realität fordert unerbittlich zur Neuorientierung auf. Lee absolviert einen Schreibmaschinenkurs und ist kurz darauf bei dem Anwalt E. Edward Grey eingestellt: Traumberuf Sekretärin! Sehr schnell entwickelt sich aus dem Arbeitsverhältnis eine auf Sex basierende Beziehung, und Lee scheint in dem sadistischen Anwalt ihr Pendant gefunden zu haben.

Spätestens an diesem Punkt erwartet man von Regisseur Steven Shainberg einen Neuanfang. Vielleicht ein verschwommenes Kamerabild als Anzeichen für eine endende Traumsequenz oder für ein Phantasiegebilde. Doch der Film erzählt weiter von Lees Arbeitsalltag: Auf die Tischplatte gestützt liest sie ihre getippten Seiten vor und agiert zusätzlich als Edward Greys Objekt der Begierde. Secretary läßt ganz allmählich die moralische Instanz verschwinden, so daß man über die Szenen irgendwann nicht mehr mit Richtig oder Falsch urteilen kann. Der Zuschauer sieht sich privaten Handlungsabläufen gegenüber, die eigentlich zu intim zum Hinsehen sind, und trotz seines Unwillens wird er in den Bann der Bilder gezogen und ist schließlich selbst gieriger Voyeur.

Auf einer ganz anderen als der psychologischen Ebene arbeitet der Film mit schwarzem Humor und Ironie. Maggie Gyllenhaals Lee entwickelt sich vom häßlichen Schreibtischentchen zur betörenden Büromieze. James Spader verdreht als Anwalt Grey jedes Mal lüstern die Augen, wenn Lee sein Zimmer betritt. Er versucht, tief zu atmen, aber sein brünstiges Schnauben läßt sich nicht so leicht unterdrücken. Lee und Edward finden im Laufe des Films einen Draht zueinander, den niemand anders sieht. Ist es tatsächlich Liebe im konventionellen Sinn oder nach wie vor eine Form von Liebesersatz, den die beiden leben? Man will tiefer eindringen in ihre Beziehung, den Kern finden. Doch es gibt nichts mehr zu erforschen. Ihr Glück ist für jeden sichtbar, doch das Wie und Warum ist nur Lee und Edward bekannt. Am Ende blickt Lee provokativ in die Kamera. Noch Fragen? 1970-01-01 01:00
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