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Seabiscuit

USA 2003. R,B: Gary Ross. K: John Schwartzman. S: William C. Goldenberg. M: Randy Newman. P: Larger Than Life, Kennedy, Marshall. D: Tobey Maguire, Jeff Bridges, Chris Cooper, William H. Macy u.a.
140 Min. UIP ab 25.9.03

Langstreckenlauf

Von Daniel Bickermann Erschreckend, wie gut dieser Film hätte werden können. Chris Cooper als einsamer Cowboy, Tobey Maguire als rothaariger Preisboxer, Jeff Bridges als neureicher Automonteur, William H. Macy als ausgeflippter Radiomoderator. Gary Ross, der sich mit dem klugen Pleasantville seine Lorbeeren verdient hat, führt Regie. Dazu eine wahre Geschichte voll epochaler Tragik und ebenso epochalem Erfolg… herrjeh, daraus könnte und müßte man vier gute Filme machen!

Aber sie haben es versaut. Wer genau es versaut hat, das ist nicht mehr festzustellen. Tatsache ist, daß Seabiscuit das erste Opfer eines hinterhältigen Virus' ist, der im amerikanischen Film mehr und mehr um sich greift: der Überlänge. Ihr Ursprung liegt in den großen Epen aus der Zeit der wiedergewonnenen Selbstsicherheit des Kinos Mitte der 90er Jahre. Prominent befeuert wurde er jüngst vom Herrn der Ringe – eigentlich ein Einzelfilm, der in drei Teile à drei Stunden noch brennend unterhaltsam ist, das mußte Hollywood ja auf dumme Gedanken bringen. Spätestens seitdem denkt man gar nicht mehr daran, es Woody Allen gleichzutun und seine Erzählungen in 90 Minuten über die Runden zu bringen. Unter 150 Minuten macht es ja nicht einmal mehr der neue Michael-Bay-Actionkracher. Mancherorts ist die Überlänge ja nicht unpassend. An anderer Stelle ist sie ärgerlich. Und hier nun, um endlich zu Seabiscuit zurückzukehren, kommt der vermutlich erste Film in die Kinos, der in seiner Gesamtwirkung durch diesen einen Umstand zerstört wird. Es hätte eine grandiose Wiederbelebung klassisch-altmodischer Hollywoodwerte werden können, eine Geschichte von Verlierern, von Geschädigten, die am Boden liegen und sich, wie in einem Swing-Klassiker gefordert, aufrappeln, den Staub abklopfen und es noch mal von vorne probieren. Dieser zutiefst humanitäre Gedanke, der ja immerhin solchen sozialen Sprengstoff wie Fairneß gegenüber den Verlierern der Gesellschaft und ein ausgewogenes Sozialsystem beinhaltet, ist zu lange vergessen gewesen in einem Hollywood, das nur noch ausgemachte Sieger liebte und vergessen hat, daß seine große Zeit sich eigentlich auf die Darstellung einiger wirklich charmanter Verlierertypen von Bogart bis Lemmon gründete.

Aber man kann den Gedanken eben auch übertreiben, oder besser: zu sehr in die Länge ziehen.

Ein Fahrradmechaniker wird arbeitslos und verzweifelt. Dann rappelt er sich auf, sattelt zum Automechaniker um, wird reich – und verliert seinen Sohn bei einem Unfall. Dann rappelt er sich wieder auf, sattelt zur Pferdezucht um… man merkt schon, so richtig oft funktioniert das Schema nicht. Und spätestens, wenn der Jockey sich alles bricht und dann wiederkommt und dann doch verliert und dann wiederkommt und dann blind wird und dann aber trotzdem wiederkommt, dann kann dieser Film sogar schwer nerven.

Und so ist spätestens nach dem dritten Umschwung die Luft raus, man wartet minütlich darauf, daß dies nun endlich bitte die letzte Wendung zum Guten gewesen sein mag. Die Wiederholung ist der Tod des Pathos. Aber bis der Film vorbei ist, wird es wohl noch etwas dauern. 1970-01-01 01:00
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