— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Schwere Jungs

D 2007. R: Marcus H. Rosenmüller. B: Philipp Roth. K: Torsten Breuer. S: Anne Loewer. M: Gerd Baumann. P: Medienfonds GFP, Olga Film GmbH. D: Sebastian Bezzel, Michael Grimm, Antoine Monot Jr., Simon Schwarz, Bastian Pastewka u.a.
94 Min. Verleih ab 18.1.07

474,5 ist eine

Von Judith Maren Lange Wer bei diesem Titel an ein Gefängnisdrama denkt, der wird sich ganz schön umschauen, wenn er plötzlich zwischen vier bayerischen Moppelchen einen Alpenhang hinunterrast – in einem Bob. Schon in Kindertagen waren die Teams um den armen Schreiner Gamser und den reichen Brauereierben Dorfler Konkurrenten. Aus den kleinen Pummelchen sind ordentliche Brocken geworden. Bei den Olympischen Winterspielen 1952 in Oslo soll sich nun endgültig zeigen, wer der bessere Bobfahrer ist. In tiefstem Bayerisch wird gestritten und dabei immer zünftig reingehauen, um das richtige Gesamtgewicht (474,5 kg) auf die Waage zu bringen und sicher auch, um das Klischee vom biersaufenden und weißwurstfressenden Süddeutschen zu bedienen.

Bastian Pastewka in einer Nebenrolle als nichtsnutziger Delegationsassistent tut das, was er am besten kann: ein dummes Gesicht ziehen – und gibt dabei eine gelungene Persiflage auf den Sportfunktionär an sich. Auch Nicholas Ofczarek, Sebastian Bezzel, Michael A. Grimm, Antoine Monot Jr. und Simon Schwarz füllen ihre körperbetonten Rollen überzeugend aus. Der Kampf des deutschen Bobteams um eine Olympiamedaille ist eine wahre Begebenheit, die mit allerlei lustigen Anekdötchen wie das Schmuggeln schwedischer Pornohefte, die Mißverständnisse beim Versuch von Gastfamilien und zahlreiche Verwechslungsspiele aufgepeppt wurde. Bei allem Spaß wird die Konkurrenz der beiden deutschen Teams um Gamser und Dorfler nicht aus den Augen verloren. Am Ende steht sogar die Einsicht, daß persönliche Ziele im Angesicht der Hoffnung einer ganzen Nation manchmal zurückstehen müssen – und daß ein Verzicht auch ein Sieg sein kann. Die Teams werden zusammengewürfelt, und nur die vier schwersten Jungs fahren der Medaille entgegen.

Der Regisseur Marcus H. Rosenmüller ist mit dieser volkstümlichen Komödie in seinem Metier geblieben. Schwere Jungs verfolgt den selben Scharfblick auf eine Welt im Kleinen wie Rosenmüllers erster Film Wer früher stirbt ist länger tot. Vielleicht ist es das Genre der Komödie, vielleicht ist dem Regisseur nach seinem Erstlingserfolg die Puste ausgegangen – man vermißt den Tiefgang, den emotionalen und den geschichtlichen, denn der Antritt der deutschen Bobmannschaft bei den olympischen Winterspielen war ungefähr so wie Das Wunder von Bern im Fußballsport, nur kam der Sieg zwei Jahre früher. Die starke dialektale Einfärbung ist nicht jedermanns Sache, gehört aber zu Rosenmüllers Programm, die Sicht vom Allgemeinen auf das Detail zu verlagern. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap