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Schwer verliebt

Shallow Hal. USA 2001. R,B: Bobby Farrelly, Peter Farrelly. B: Sean Moynihan. K: Russell Carpenter. M: Ivy. S: Christopher Greenbury. P: Conundrum Entertainment. D: Gwyneth Paltrow, Jack Black, Jason Alexander u.a.
114 Min. Fox ab 14.2.02

Schwer verdaulich

Von Matthias Grimm Nein, ich werde nicht darauf eingehen, daß Gwyneth Paltrow mit ihrer Rolle als superfette Rosemary ihr Image als magersüchtiges Blondchen karikiert und habe damit genau dieses hiermit getan. »Augenwischerei« nennt man das, was ich da gemacht habe, und genau das ist es auch, was die Farrelly-Brüder mit ihrem neuen Film Schwer verliebt machen. Und dies in doppelter Hinsicht, die ich im folgenden aufzuzeigen versuche.

Zum einen ist da die Grundidee des Films, eine, die gar nicht übel klingt und wunderbar in jedem Anleser und damit im Kurzzeitgedächtnis des Multiplex-Publikums Platz findet. Also: Da ist Hal, der bei Frauen nur auf Äußerlichkeiten guckt und plötzlich aber, wie durch einen Zauber, die inneren Werte einer Person zu erkennen vermag. Deswegen sehen alle potthäßlichen Frauenzimmer auf einmal wie Elfen aus und umgekehrt, und deswegen verliebt er sich in Gwyneth Paltrow (und sie sich in ihn), obwohl sie in Wirklichkeit fett und häßlich ist. Dies provoziert den Witz des Films, daß nämlich Hal ständig davon erzählt, wie schön doch diese und jene Frau sei, während alle Umstehenden sich angewidert abwenden.

Ja, richtig: »den Witz«, Singular, denn tatsächlich gibt es nur diesen einen im gesamten Film, der wird dafür alle 20 Sekunden wiederholt, bis zum Ende, also etwa 342 mal. Und eigentlich ist er schon am Anfang nicht so richtig komisch. »Augenwischerei« vor allem auch deswegen, weil er ganz im Sinne des Farrelly-Kosmos zwar politisch unkorrekt ist, damit Schranken und Tabus brechen will, aber sich letztlich nur in einen neuen Zwang, ein neues Dogma einsperrt, das eben politische Unkorrektheit genannt wird.

Was mich aber an diesem Film erst richtig stört, ist die zweite Art der Augenwischerei. So kann ich schon die Jubelschreie derer hören, welche den Farrellys Understatement zubilligen wollen, erstaunt sind, daß die Brüder auch anders als klamaukig sein können, ja, Attribute wie »feinsinnig«, »einfühlsam«, vielleicht sogar »melancholisch« benutzen werden, den Film mit Sicherheit aber als »wundervolles Plädoyer« verstehen wollen. Ein Plädoyer für eines dieser Dinge, für die eben irgendein Film alle paar Wochen plädiert. Von großen, nein, ganz kleinen-feinen Gefühlen wird die Rede sein, und doch ist Schwer verliebt, wenn überhaupt, dann nur eines: gefühlsduselig. Er plädiert nicht, er verschiebt nur Schablonen.

»Schönheit liegt im Auge des Betrachters«, möchte der Film dem Zuschauer anraten, und macht dies in gleich doppelter Hinsicht verkehrt. Zum einen, indem er ein Dogma gegen ein anderes, das Negativ dazu, austauscht: Alle Häßlichen haben klasse Charakter, und alle Schönen sind schrecklich doof. Vor allem aber – und daß man so leicht geneigt ist, darauf hereinzufallen, macht es nur noch schlimmer – vertritt der Film eine Position, indem er sich im Grunde genau in die Abhängigkeit der Gegenposition begibt, die er kritisieren will. Hal, und mit ihm der Zuschauer, erkennt nicht jene inneren Werte, um die es eigentlich geht, sondern genau die oberflächliche, konsensualisierte Schönheit, die dazu im Gegensatz stehen soll. Das ist genau so, als würde man gegen Antisemitismus argumentieren, indem man einen Deutschen erschießt und deswegen schrecklich betroffen ist, weil man als Zuschauer weiß, daß es in echt ein verkleideter Jude war.

Die vermeintliche Dichotomie hebt sich somit auf, und die Dialektik, die aufklärerische Katharsis, die der Film vorheuchelt, wird zu einer penetranten Anbiederung an einen linksradikalen Idealismus. Sicher, anders geht es nicht, sonst hätte der Film auch noch seinen einzigen Gag verloren. Aber auf den hätte ich auch noch verzichten können. 1970-01-01 01:00
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