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Schwarze Tafeln

Takhte Siah. IR 2000. R,B: Samira Makhmalbaf. B,S: Mohsen Makhmalbaf. K: Ebrahim Ghafori. M: Mohamad Reza Darvishi. P: Mohamad Ahmadi. D: Said Mohamadi, Behnaz Jafari, Bahman Ghobadi, Mohamed Karim Rahmati.
85 Min. Kairos ab 17.1.02
Von Thomas Warnecke Noch mehr als in Zeit der trunkenen Pferde ist in Schwarze Tafeln das iran-irakische Grenzgebiet ein Niemandsland. In den wenigen Dörfern, die sich mit ihren braunen Lehmziegeln farblich bis zur Unkenntlichkeit in die karstige Gebirgslandschaft einfügen, scheint kein Mensch mehr sein Zuhause zu haben. Kinder mit Schmuggelware und eine Gruppe alter kurdischer Männer durchstreifen das Gebiet, vielleicht noch ein paar Schafherden.

Und natürlich die Grenzsoldaten, aber die sind nicht zu sehen. Und dann sind da die schwarzen Tafeln, unterwegs auf den Rücken ihrer Träger: Wie Apostel schwärmen die Lehrer aus in die trostlose Weite, den Menschen von Büchern und Bildung, von Arithmetik und Buchstaben zu künden. Ein hoffnungsloses Unterfangen in dieser Gegend, wo es nur ums nackte Überleben geht.

Ein Akt der Verzweiflung, der komisch wirkt und auch so aussieht: wie sich diese sendungsbewußten Männer mit ihren sperrigen Brettern auf dem Rücken durch den Staub quälen. Alsbald wird das zu auffällige Schwarz mit Lehm übertüncht, denn Hubschrauber werden hörbar. Zu sehen sind nur ein paar Vögel am Himmel. Immerhin, die Tafeln sind ein ganz passabler Unterschlupf, und zu den schönsten Bildern des Films gehört, wie sich die Lehrer unter ihnen wie unter Schilden verstecken, um dann nach und nach darunter hervorzulugen. Freilich, so werden sie nie Schüler finden, und so trennen sie sich.

Die Unvereinbarkeit von Mensch und Dingwelt ist ein bewährter Topos der Komödie, das Unvermögen, bestimmte Gegenstände ihrer (scheinbar einzigen) Bestimmung gemäß zu benutzen, hat beispielsweise Jerry Lewis in The Errand Boy jenen famosen Kampf mit dem Wasserspender führen lassen. Hier wird das Motiv erweitert um die Unvereinbarkeit von Ding und Natur. Gleichzeitig ist die leere Tafel natürlich das perfekte Zeichen, das unzählige Lesarten zuläßt: als Metapher für Bildung, Zivilisation etc. drängt es sich auf, die Regisseurin Samira Makhmalbaf sprach in einem Interview sogar davon, Christen mögen darin das Kreuz erkennen. Die Tafel dient als Schutzschild, als Trennwand bei der Hochzeitszeremonie und Pfand bei der Scheidung. Bei dem einen Lehrer, der mit den minderjährigen Schmugglern zieht und selbst kaum größer ist als sie, gleicht sie sich auf seinem Rücken dem Diebesgut auf dem Rücken der Kinder an.

Dieser Lehrer wird gespielt von Bahman Ghobadi, dem Regisseur von Zeit der trunkenen Pferde. Seine Figur trägt den einen Handlungsstrang; der zweite erzählt von Said, der sich den heimkehrenden Kurden anschließt und die einzige Frau der Gruppe heiratet. Den Satz ›Ich liebe Dich‹, den er ihr zum Unterrichtsbeginn auf die Tafel schreibt, liest sie ihm allerdings kein einziges Mal vor.

Die beiden Handlungsstränge werden von der Regisseurin und ihrem Vater Mohsen Makhmalbaf als Koautor und Cutter geschickt in Parallelmontage verfolgt. Einige Anschlüsse legen nahe, daß sich die beiden Gruppen nicht weit voneinander entfernt befinden, und wirkungsvolle Schnitte deuten dies auch für die Handlung an: Die Alten wie die Kinder werden immer wieder von plötzlichen – und unsichtbaren – Angriffen zu Richtungswechseln, zur Flucht getrieben.

Die Handkamera von Ebrahim Ghafori (Safar e Ghandahar) bewegt sich mit den Darstellern immer wieder an Abgründen entlang, blickt gelegentlich in diese und vermag weder sich selbst noch einzelne Gestalten aus dem Okker-Braun der Landschaft zu lösen. Der Blick in die kurdische Heimat ist gar von Nebel verschleiert. So wandert die Regisseurin mit ihren Figuren zwischen Ungewißheit und Aussichtslosigkeit, um gelegentlich, in einigen Szenen zwischendurch und den sparsamen Großaufnahmen einzelner Gesichter, Hoffnung zu entdecken. 1970-01-01 01:00
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