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Schwarze Schafe

D/CH 2006. R,B: Oliver Rihs. B: Daniel Young, Thomas Hess, David Keller, Michael Auer. K,B: Olivier Kolb. S: Andreas Radtke, Sarah Clara Weber, Bettina Blickwede, Till Ufer. M: King Khan. P: Oliwood Productions. D: Marc Hosemann, Bruno Cathomas, Jule Böwe, Robert Stadlober, Tom Schilling, Oktay Özdemir u.a.
94 Min. BBQ Distribution ab 2.8.07

Gottes großer Zoo

Von Oliver Baumgarten Es ist in Deutschland wirklich selten geworden, daß Filmemacher sich vornehmen, einfach mal etwas Radikales, etwas Extremes und Konsequentes zu erzählen, provokativ zu sein und Ablehnung, vielleicht selbst Beschimpfung und Verunglimpfung, in Kauf zu nehmen. Es ist selten geworden in Deutschland, daß dadurch schmutzige kleine Filme entstehen, die widerborstig und eigenwillig gegen die Konvention stehen. Werke, die sich nicht in den erzählerischen Gleichstrom all jener Filme einreihen, die darauf aus sind, Preise zu gewinnen und sich entsprechend zurechtmachen, die darauf aus sind, Filmförderung zu bekommen und deswegen auf die letzte Konsequenz und einen radikalen Ansatz verzichten müssen, und die darauf aus sind, sich in der Branche beliebt zu machen. Filme, die auf das alles pfeifen und den Mut aufbringen, anders zu sein, sind in Deutschland selten geworden.

Ich bin mir ziemlich sicher: Schwarze Schafe hat genau ein solcher Film werden sollen. Überwiegend in immernoch mit Underground assoziiertem Schwarzweiß aufgenommen (lediglich Bilddetails werden hin und wieder durch Einfärbungen hervorgehoben) und mit entfesselter, immer noch für Freiheit stehender Handkamera fotographiert, entwerfen Oliver Rihs und das Autorenteam lauter irgendwie extreme, eher: exzentrische Figuren und lassen sie in der diffusen Berliner Szene aufeinander los: drei türkische Jungs, die es nach Erfüllung ihrer Sexfantasien giert, zwei dumme Satanisten, ein saufender Künstler, zwei kiffende Studenten, eine tuntige Heulsuse, ein Model, das sich die Hand abhacken will usw. An Radikalem lassen die Autoren auch in Bild und Handlung denn keinen Mangel: Wir schauen Figuren beim unterschiedlichen Ausscheiden von Exkrementen zu (ist in Schwarzweiß natürlich nur halb so unangenehm), wir verfolgen die Versuche eines Satanistenanfängers, seine im Koma liegende Oma zu penetrieren, und werden zweier Erektionen türkischer Jungs ansichtig. Das ist fraglos provokant, auch ein bißchen frech und für viele sicher Grund genug, sich drüber aufzuregen. Für einen gelungenen Film aber reicht das beileibe nicht. Die hier ausgestellten bunten »Vertreter aus Gottes großem Zoo«, wie Hubert Fichte seine schrägen Vögel in »Die Palette« genannt hat, können begafft werden, aber sagen können sie einem nichts. Sie stehen da in ihrem kadrierten Käfig der Leinwand, ohne Hinweis darauf, wo sie herkommen, was sie wollen, wer sie eigentlich sind. Ihre Verkleidungen und ihre Sprache sollen zwar auf ihre soziale Herkunft verweisen, doch all das, das gesamte Milieu, wird nur behauptet, gelebt wird es nicht.

Hier dürfte dann auch der Grund zu finden sein, daß weder das, was diese Figuren sagen, noch das, was sie tun, irgendwie lustig ist, obwohl es zum Teil wirklich lustig sein könnte. Auch die Schauspieler wirken seltsam distanziert und flüchten sich beim Ausmalen ihrer Typen viel zu schnell ins Laute und Grobmotorische. Außerdem stimmt auch das Timing der turbulenten Szenen nicht, so daß die Pointen nicht sitzen. Dieser Film ist insgesamt einfach nicht geerdet, nicht stimmig, und so stehen die extremen, die provokanten Szenen als eigenartige Ausbrüche isoliert da, ohne je eine Anbindung an Handlung, Figuren, Milieu oder die filmische Form zu knüpfen. Schade, ein bißchen Subtext hätte gerade bei einem Film wie Schwarze Schafe wirklich nicht geschadet. 1970-01-01 01:00
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