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Schußangst

D 2003. R,B,M: Dito Tsintsadze. B: Dirk Kurbjuweit. K: Manuel Mack. S: Vessela Martschewski. M: Gio Tsintsadze. P: Tatfilm. D: Fabian Hinrichs, Lavinia Wilson, Christoph Waltz, Thorsten Merten, Axel Prahl, Lena Stolze u.a.
106 Min. Zephir ab 15.4.04

Rigor Mortis

Von Oliver Baumgarten Eine Schabe von stolzer Größe hetzt schutzsuchend und von blinder Panik getrieben über den Küchenfußboden. Dem herniedersausenden wöchentlichen Nachrichtenmagazin geschickt ausweichend, findet sie schlußendlich ihr jähes Ende unter der Sohle eines dunklen Straßenschuhs. In dem Schuh steckt Lukas. Er ist Zivildienstleistender, fährt tagsüber Essen aus an Alte und Kranke und verbringt den Rest des Tages überwiegend in seiner spärlich eingerichteten Wohnung. Er ist neu in der Stadt und kennt niemanden. Nur die Einsamkeit und den Tod, die trifft er alle Nase lang.

Schußangst pflegt am Beginn einen geradezu heiteren Ton. Die Musik von Gio und Dito Tsintsadze stimmt eine Kleinstadt-Melodei an, und fast fühlt es sich in den ersten Minuten an wie in einer gewöhnlichen deutschen Coming of Age-Geschichte. Doch Lukas ist mehr als nur ein überspannter Twen, ihn umgibt in seiner unerklärlichen sozialen Inkompetenz etwas arg Beunruhigendes. Schauspieler Fabian Hinrichs findet für seine Figur recht schnell den Übergang vom ersten Eindruck der Farblosigkeit zu latenter Bedrohung. Denn Lukas scheint sich unbewußt in seine Umwelt aus Einsamkeit, Resignation und Tod einzupassen. Die Senioren etwa, die er auf seinen Touren besucht: bemitleidenswerte Geschöpfe, die dank der Medizin der Gesellschaft erhalten bleiben, darin jedoch sämtlicher Funktionen beraubt sind. Die Einsamkeit nagt am Verstand, und gleich in den ersten Minuten des Films findet Lukas eine seiner Kundinnen tot in der Küche. Beim Rudern am Fluß sucht er Zerstreuung, wo er einen seltsamen Kauz trifft, der gerne Toter Mann spielt. Doch schon nach wenigen Tagen setzt Lukas auch dort sein Boot auf Grund. Zweifellos, dieses morbide Umfeld prägt ihn, und kaum trifft er auf die kesse Isabella, keimt endlich Hoffnung auf. Er scheint sich auf seine umständliche und indirekte Art zu verlieben. Er steigt ihr nach und entdeckt Isabellas dunkles Geheimnis: Sie hat ein – vermutlich nicht ganz freiwilliges – Verhältnis mit ihrem Stiefvater.

Dito Tsintsadze, dessen trefflicher Lost Killers von einem breit angelegten Ensemble getragen wurde, konzentriert sich in Schußangst nun ganz auf seinen einen Protagonisten. Es gibt kaum eine Szene, in der Lukas nicht im Zentrum stünde. Vom Leben der Nebenfiguren erfahren wir nur das durch seinen Blick Gefilterte – subjektiv geprägt, unvollständig und nur auf sein Agieren bezogen. Der so entstandene Sog in Lukas' unsichere Welt hinein wird durch Mittel wie etwa der Musik verstärkt, die fast unmerklich von unverfänglichem Geplänkel in dramatische Klänge wechselt. Auch Manuel Macks findige Kamera wandert immer spürbarer in die Hand (ohne nach wie vor vereinzelt dem Reiz des Ungewöhnlichen widerstehen zu können). Und dann folgt irgendwann die Passage, in der sich die dräuende Bedrohung manifestiert: Lukas besorgt sich ein Gewehr.

Bemerkenswert, wie unaufgeregt Tsintsadze seine Figuren auf das Unheil hinbewegt. Keine martialischen Gesichtsentgleisungen bei Fabian Hinrichs, keine moralisierenden Stimmen: Wie eine ungebremste Lok steuert Lukas dem Unvermeidlichen entgegen. Die Chronik eines angekündigten Todes, begleitet von einem der suggestiven Ästhetik und Erzählung des Films geschuldeten Unbehagen beim Zuschauer. Eine ungewöhnliche Moritat Tsintsadzes auf die drohende Isolation in der Gesellschaft. »Vielleicht können wir ja irgendwann einmal gemeinsam Toter Mann spielen«, sagt der von Axel Prahl gespielte komische Kauz zu Lukas, als er sich wie gewöhnlich rücklings in Tauchermontur in den Fluß wirft, um sich unbewegt treiben zu lassen. Lukas betrachtet ihn etwas ungläubig. Nein, mit dem Sich-Treibenlassen ist es vorbei… 1970-01-01 01:00

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