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Schöne Frauen

D 2003. R,B: Sathyan Ramesh. K: Thomas Merker. S: Andrea Mertens. M: queen bee, Stefan Hiss. P: D&D Prod. D: Floriane Daniel, Julia Jäger, Caroline Peters, Clelia Sarto u.a.
90 Min. Stardust ab 27.1.05

Mal was anderes

Von Dietrich Brüggemann Fünf Schauspielerinnen um die dreißig treffen sich beim Casting für die Hauptrolle in einem dämlichen TV-Thriller. Man setzt sie in einen leeren Raum und läßt sie warten. Als nichts passiert, beschließen sie, gemeinsam davonzulaufen – aus dem leeren Wartezimmer, aus den angestauten Frustrationen ihres Berufs, aus ihrem bisherigen Leben.

Sathyan Ramesh war, beispielsweise als Autor von Das Jahr der ersten Küsse, bisher nur Insidern bekannt, und möglicherweise wird sein Regiedebut daran nicht viel ändern, da Schöne Frauen von den großen Festivals links liegengelassen wurde und nun mit überschaubarer Promotion in die Kinos kommt. Es wäre schade, denn selten hat man hierzulande einen Film gesehen, in dem ein Ensemble derart gut aufgelegt und realitätsnah agiert. Das liegt zum einen an Rameshs erstklassigen Dialogen, zum anderen natürlich an den fünf hervorragenden Darstellerinnen, dazu an einer klugen und zurückhaltenden Regie und nicht zuletzt auch an der Kamera – Thomas Merker drehte den Film auf handelsüblichen DV-Kameras, und wer jetzt schreiend davonlaufen will, dem sei gesagt, daß alles, was man daran hassen gelernt hat, hier nicht stattfindet. Der ganze Film ist aus der Hand gedreht, aber wackelfrei, es ist Video, aber die Bilder sind flimmerfrei und schön anzusehen, was wiederum an einer neuen Technik namens »25p« liegt, die an anderer Stelle erörtert werden möge. Für Laien: Es ist endlich mal ein DV-Kinofilm, der nicht nach Urlaubsvideo aussieht.

Und es ist eines jener seltenen Beispiele, wo ein Film eine Schwäche durch eine Stärke wettzumachen versteht. Denn eigentlich passiert nicht viel. Aber es stört nicht weiter. Denn man ist bei den realistischen, peinlichen, komischen und großartigen Figuren, gespielt von einem Ensemble, das so spontan agiert, daß man sich stets fragt, ob das vielleicht alles improvisiert ist. Und das ist immerhin ein Ideal, das man erstmal erreichen muß.

Es bleibt ein unguter Nachgeschmack, wenn man bedenkt, daß der »Deutsche Film«, zumindest seine eher unkommerziell-künstlerische Independent-Seite, im Blick der Öffentlichkeit meist von einer Gruppe stilistisch recht gleichförmiger Filme dominiert wird. Da ist man jung und ernst, es regnet, man langweilt sich, es ist irgendwie total tiefsinnig, Jungs und Mädchen haben Probleme und reden drüber oder auch nicht, die Arbeiterklasse ist arbeitslos, depressiv und trinkt zuviel, Väter mißbrauchen alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen ist wirklich intensiv umgesetzt, und zwischendurch greift Julia Hummer zur Gitarre. Geht alles in Ordnung, gibt's in gut und in schlecht, aber irgendwann hätte man dann auch gerne mal was anders. Wenn dann mal ein Film kommt, der zu dieser Kleines-Fernsehspiel-Monokultur quer steht, der eine eigene Stimme hat – und Erfolg hat, so wie zuletzt Muxmäuschenstill, dann freut man sich um so mehr. Wenn er hingegen so weitgehend ignoriert wird wie Schöne Frauen, es aber anders verdient hätte, dann ist da etwas nicht in Ordnung. 1970-01-01 01:00
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