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Schnitzelparadies

Het Schnitzelparadijs. NL 2005. R,B: Martin Koolhoven. K: Guido van Gennep. S: Job ter Burg. M: Melcher Meirmans, Merlijn Snitker, Chrisnanne Wiegel. P: Lemming Film. D: Mounir Valentyn, Bracha van Doesburgh, Mimoun Oaïssa, Yahya Gaier, Tygo Gernandt u.a.
85 Min. Kool ab 15.3.07

Altes Gericht, frisch zubereitet

Von Malte Can Der Titel deutet es bereits an, Schnitzelparadies ist keine Culture Clash Comedy à la Kebab Connection, sondern eine Komödie angesiedelt im multikulturellen Kontext. Keine Kebabisierung oder Falafellisierung als Höhepunkt origineller Ausländerverarsche, die beim besten Willen von arrogant bis zerreißbar alles ist, nur eben nicht witzig, sondern stattdessen eine rasante Regie, hübsche Menschen und eine Portion niederländischer Charme.

Es mag abgedroschen und konstruiert klingen, wenn man vom Plot hört, aber der Blick darauf scheint frisch, die Umsetzung konzise: Der smarte marokkanischstämmige Nordip verzichtet auf das Medizinstudium, wozu ihn sein frommer Vater ermahnt (»Junge, sieh zu, daß du in diesem schönen Land was wirst«) und arbeitet stattdessen lieber freiwillig in der Schmuddelküche des Gourmetrestaurants »Zum Blauen Geier«, während er seiner Familie vorlügt, er arbeite in der Bibliothek (die Frage nach dem Warum mag am Anfang kurz auftauchen, wird aber zusehends von der spielerischen Inszenierung über Bord geworfen).

Nordip ist hier zunächst ein Fremder, dem die ärgsten Prüfungen bevorstehen. Nicht weil er einen marokkanischen Hintergrund oder Vordergrund hat, sondern weil er hier neu ist und sich beweisen muß. Vor allem vor der hübschforschen Kellnerin Agnes, der Tochter der Chefin, die dem ganzen Haufen stets gedemütigter Loser den Kopf verdreht. Es ist nicht nett, was für eine Suppe der Autor Marco van Geffen (nach einer Romanvorlage von Khalid Boudou) ihm da gegart hat, die er nun auslöffeln muß. Ein düster-aggressiver Serbe, mit zwielichtigem Vorleben, der sich gern mal im Fleischlager auf bizarre Art und Weise austobt, versucht Nordip die Integration ebenso zu erschweren wie die klugscheißenden Marokkaner oder der hinterhältige holländische Schnitzelbrater Sander, während um ihn herum in Roberto-Benigni-Manier der türkische Clown Ali solange um ihn tänzelt, bis er mit dem sonderbaren Außenseiter Freundschaft geschlossen hat. Peace! Ganz über allen steht trunken der Chefkoch Willem, einem Sklaventreiber nicht unähnlich, an Ekelhaftigkeit von keinem der Beteiligten zu überbieten.

Nach Motiven aus »Romeo und Julia«, obwohl der Vergleich mit der persischen Variante »Leila und Madschnun« vielleicht angebrachter wäre, spinnt sich in jenem Moloch von Küche, in das niemand freiwillig hineingeraten möchte, die kalkulierbare, aber hübsche Liebesgeschichte zwischen Nordip und der kessen Kellnerin. Man riecht zwar den dramaturgischen Auftrag der nach Schema F gebauten Romanze vielleicht stärker als der Gestank der turbulenten, dampfenden Küche. Und doch ist es der Ausstrahlung der beiden Hauptdarsteller zu verdanken, daß ihre Liebe so echt wirkt, daß ihre Erfüllung unausweichlich erscheint.

»Ich hab ja nix gegen Schokoriegel, aber das ist mir ein bißchen zuviel Sonnebank«, haut der Türsteher beinahe beiläufig dem schwarzen Discofreund an den Kopf. Sprüche solcher Art, die von allen Seiten hageln, schmerzen dabei nicht als rassistischer Faustschlag, weil dem Film etwas gelingt, was in diesem Genre Seltenheitswert hat: Der Film stellt Migranten und Nichtmigranten kommentarlos auf eine Stufe, verzichtet auf den plakativen Verweis der Unterschiede ihrer Kulturen, die zwar da sind, nicht aber das Konfliktpotential des Filmes ausmachen. Die unerträgliche Klischeefixiertheit, der sein genretechnischer Vorgänger Shouf Shouf Habibi noch gehörig auf den Leim ging, bleibt hier aber aus. Scheint gar nicht nötig. Dabei steht die ethnische Herkunft hier sehr wohl im Zentrum des Films, sogar in überwiegend stereotypisierter Form, wird aber nicht dazu aufgetischt, die Sehnsucht nach einfallslosen Pointen zu stillen und jene Vorurteile zu bedienen, die mittlerweile durch hartnäckiges Training mit Einwanderer-Komödien tiefes Behaarungsvermögen besitzen dürften. Auch wenn Schnitzelparadies keinen Kraftakt intellektuellen Humors darstellt, sich teilweise ähnlich flach gibt, wie das Land, in dem er gedreht wurde, so gelingen dem spielbegeistertem Ensemble unterwegs immer wieder sehr komische Momente, die die konventionelle Geschichte zumindest lebendig werden läßt.

Ach, übrigens: Das Wort »lekker« wird man hier übrigens ebenso vermissen, wie Tulpen, Gauda, Hasch und Nordips Problem, (Schweine-) Schnitzel zuzubereiten. 1970-01-01 01:00
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