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Schneeland

D 2004. R,B,P: Hans-Werner Geißendörfer. K: Hans-Günther Bücking. S: Peter Przygodda. M: Hans Zimmer. D: Julia Jentsch, Thomas Kretschmann, Maria Schrader, Ulrich Mühe u.a.
142 Min. Kinowelt ab 20.1.05

Lappenbekenntnis

Von Oliver Baumgarten Der Schneesturm frißt sich in die frierenden Gesichter, der Atem dampft, als seien die Menschen biologische Nebelmaschinen, deren Kondensat sich über die Jahre speckig und feucht auf die spreißeligen Oberflächen der ärmlichen Hauseinrichtungen legt. Frost, Blässe und Ausgeliefertsein – die mithin physisch erlebbaren Bilder von Hans-Günther Bücking beschreiben präziser als Worte dies vermögen, welches Leben Ina auf einem Hof in der Einöde Lapplands um 1930 führt. Nach dem Tod der Mutter wird sie vom Vater versklavt, mißbraucht und in sein krudes Sozialsystem gezwungen: in ein Patriarchat familiärer Gewalt. Der Härte der unbarmherzigen Natur liegt eine faszinierende Schönheit zugrunde, der Härte des Vaters hingegen die enthemmte Fresse archaischen Verhaltens. Zwischen diesen Polen sozialisiert, trifft die 20jährige Ina auf den Pferdehüter Aron. Sie verlieben sich, doch der einfache Wunsch nach ein wenig Glück droht im Schneeland zu verwehen.

Hans-Werner Geißendörfer gelingt mit seinem ersten Kinofilm nach 10 Jahren Konzentration auf das Volksopiat Lindenstraße ein unbequemer, harter und streckenweise erfreulich konsequenter Film. Die Brutalität im Leben der jungen Ina findet nicht allein in ihrer oberflächlichen Darstellung Entsprechung, sondern wird von Bücking in jede seiner Aufnahmen meisterhaft und konsequent hineingemalt. Optisch ist Schneeland ein Hochgenuß, unterstützt von einem aufgeweckten Ensemble, dessen Spitze Julia Jentsch und Ulrich Mühe bilden. Die sich abseits jeglicher Zivilisation abspielenden Konflikte von Vater und Tochter mögen den Grenzen von Erträglichem und auch Glaubhaftem ziemlich nahekommen. Deren Umsetzung jedoch ist inszenatorisch und schauspielerisch derart prägnant, daß sie ihre Wirkung nicht verfehlen. Ein der Filmlänge entsprechend gemächlicher Anlauf dieses epischen Erzählstils (der Film entstand nach einem Roman von Elisabeth Rynell) verdichtet sich so zunehmend zu einer geschlossenen Atmosphäre, aus der es plötzlich auch für den Zuschauer kein Entrinnen mehr gibt. Fast jedenfalls.

Denn auch Schneeland bedient sich eines in den letzten Jahren sehr ermüdend gepflegten dramaturgischen Kniffs: des Rückbezugs auf die Gegenwart vermittels einer Rahmenhandlung oder besser einer Zwischenhandlung. Maria Schrader nämlich spielt eine Schriftstellerin, die Inas Geschichte auf die Spur kommt, während sie den Tod ihres Mannes zu verwinden sucht. Sie stellt sich den winterlichen Naturgewalten, will zu Tode frieren und gelangt so zu Inas Hof. Per Zwischenschnitte drängt sie sich immer wieder in Inas Geschichte. Ästhetisch sind diese Übergänge (sicher nicht zuletzt dank der Montage Peter Przygoddas) herausragend gelungen, indem die weiten Sprünge auf der Zeitachse durch Anschlüsse auf den Ebenen von Bild und Ton so abgeschwächt werden, daß sie die gesamte Atmosphäre kaum weiter unterbrechen. Inhaltlich hingegen bereitet der historische Bogen dem Film einen gänzlich anderen Anstrich, und es läßt sich trefflich streiten, ob ins Banale oder Pädagogische. Denn daß die Schriftstellerin ob Inas Geschichte ihre Depression überwindet, erhält durchaus eine sozialpsychologische Note: Seid zufrieden mit dem, was Ihr habt, früher hatte man viel weniger. Fanal oder banal – Schneeland vermag diese Indifferenz dank der überzeugenden Konsequenz seiner Bildsprache, deren Atmosphäre noch lange nachwirkt, unbeschadet zu überwinden. 1970-01-01 01:00

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