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Schlaraffenland

D 1999. R: Friedemann Fromm. B: Christoph Fromm. K: Jo Heim. S: Eva Schnare. M: Manu Kurz, Johnny Klimek. P: Hager/Moss. D: Heiner Lauterbach, Franka Potente, Jürgen Tarrach, Susanne Bormann, Ken Duken, Daniel Brühl u.a.
122 Min. Buena Vista ab 28.10.99

Heiner wie keiner

Von Thomas Warnecke Schade, das hätte die große Schlacht zwischen party- und konsumgeilen Kids und den Prolos vom Security-Service werden können. Aber Autor und Regisseur heißen Fromm, und so ist auch ihr Film: fromm und moralisch. Der Entwicklungsroman einer Nacht, aus der die jungen Protagonisten als bessere Menschen hervorgehen.

Doch einer spielt nicht mit. Sein Name ist Popp, und er ist der König: Heiner Lauterbach ist der Böse, und er verkörpert ihn so überzeugend, wirkungsvoll und fast sympathisch, daß er mühelos den Sieg über dieses gut gemeinte Lehrstück davonträgt. Sein Wachmann ist ein Fiesling, wie man ihn im deutschen Kino selten zu sehen bekommt. Beim Versuch, ans große Geld zu kommen, geht er so pragmatisch, ja mit einer gewissen Ironie zu Werke, daß ich ihn nicht einmal habgierig nennen mag. Ein Bösewicht ohne Moral, der Menschen benutzt und beseitigt, dessen einzige Werte die der Banknoten sind.

Heiner! ist cool, widerlich und witzig, und er ist in jeder Szene allen überlegen. Franka Potente, als Kollegin von der Security die Fehlbesetzung des Jahres, ist die letzte, die ihm die (heimliche) Gunst des Publikums streitig machen könnte. Dann schon eher uns' Jürgen Tarrach, der zwar eigentlich anständig und harmlos ist, dessen Augen beim Anblick einer Pumpgun aber leuchten wie bei einem kleinen Jungen.

Die »Riege brillanter Jungtalente« schlägt sich insgesamt tapfer mit den manchmal arg stereotypen Teeniefiguren herum, doch kommen sie gegen Heiner! nicht an, weil sie mit einem Übermaß an Psychologisierung zu kämpfen haben, während Heiner! ohne Biographie oder psychologische Motivation geradlinig sein Ding durchzieht. Seine Zugkraft bringt Action in den durchaus spannenden Genrefilm.

Das mit unüberhörbar moralischem Unterton titelgebende Schlaraffenland ist eine trendy Location: ein Einkaufszentrum, in dem Schlachten stattfinden, die dem Wort Konsumterror eine völlig neue Bedeutung verleihen.

Heiner! Erinnerungen an Dawn of the Dead werden geweckt, wo Heerscharen von Zombies in einer langen Schlacht im Supermarkt niedergemetzelt werden; und als Zuschauer freut man sich ein wenig, wenn Heiner! mit der larmoyanten Teeniemeute ähnlich verfährt (leider nicht mit allen).

Und das ist das Schöne am Konsumtempel: Hier ist jeder Schuß ein Treffer. Selbst Schüsse in die Bettenabteilung belohnen Schützen und Zuschauer mit dem geradezu poetischen Bild herabschneiender Daunenfedern. Doch wenn einer der Jugendlichen sich dank seiner Videospielerfahrung als Kunstschütze bewährt, ist das schon wieder ein sehr moralischer Unterton, aber wegen der Ähnlichkeit zwischen Kamera- bzw. Schnittstil und Videospielästhetik auch durchaus reizvoll.

Viele Möglichkeiten zur Bilderfindung inmitten von Schaufenstern und Warenfetischen werden aber nur ansatzweise ausgeschöpft. Das liegt zum Teil an der Kamera, die immer dicht an den Personen klebt, ihnen wackelnd durch alle Abteilungen folgt und nur gelegentlich den Blick in den Raum öffnet. Zum anderen liegt es daran, daß Friedemann Fromm das Einkaufszentrum eher als Metapher denn als sozialen Ort benutzt. Immerhin ist das Kaufhausklo grandios gefilmt. Und zum Glück gibt es immer irgendeine Tür, durch die Heiner! die Szene betritt und den Blick in die Abgründe freigibt, mit denen der Film nur kokettiert. 1970-01-01 01:00

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