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Schiffe aus Wassermelonen

Karpuz kabugundan gemiler yapmak. TR 2004. R,B: Ahmet Ulucay. P: IFR Productions, Serkan Cakarer. K: Ilker Berke. M: Alper Tuncel Demirel, Ender Akay. D: Fizuli Caferof, Mustafa Coban, Gülayse Erkoc, Hasbiye Günay u.a.
84 Min. Mîtosfilm ab 29.6.06

Von der Magie des Kinos

Von Malte Can Basierend auf seinen eigenen Kindheitserinnerungen erzählt der Autodidakt Ahmet Ulucay in seinem Debüt von Schiffen aus Wassermelonen. »Aus Wassermelonenschalen Schiffe machen« wie der Titel richtig übersetzt werden müßte, ist eine Metapher für unerreichbare Hoffnungen, für unstillbare Sehnsüchte. Denn Ulucay fixiert in seinen malerischen Bildern und sehnsuchtsvollen Tönen die unerfüllbare Liebe und den großen Traum von der Magie des Kinos.

Ganz nebenbei ist es aber auch die Geschichte vom Erwachsenwerden. In einem anatolischen Dorf Mitte der 60er Jahre erträumen sich die beiden Freunde Recep und Mehmet eine andere Welt, fernab ihres eintönigen Alltags als Melonenverkäufer oder Friseurlehrling. Doch mit einer Taschenlampe, einem Holzkasten, einem dunklen Raum und einem Filmschnipsel eines B-Movies lernen die Bilder noch lange nicht das Laufen. So hoffen sie, gemeinsam mit Ömer, dem Verrückten aus dem Dorf, und mit dem Gebet zu Mehmets verstorbenem Großvater, auf das Gelingen ihres großen Vorhabens, das Mehmet wie einst schon Billy Wilder helfen soll, von den Mädchen bewundert zu werden.

Die Liebesgeschichte, die Ahmet Ulucay wie mit einem Pinsel in diesen Plot getupft hat, führt zunächst zu amourösen Verwicklungen mit den beiden wunderschönen Schwestern der Nachbarin und endet tragisch. So bleibt den beiden nur noch die Fremde, die den Schmerz der Liebe lindern kann. Seine Liebeserklärung an das Kino, einer Leidenschaft aus seiner frühen Kindheit, wie uns der Film verrät, wird fast physisch erfahrbar, wenn Ahmet Ulucay mit seiner digitalen Kamera, die bei anderen Filmemachern Verwacklungen und improvisierten Bilderkrach abliefert, Momente filmisch adäquat ausdrückt und er damit mehr Kino erzeugt, als so manch großer Kinofilm.

Ein Mann auf dem Gehweg kniet vor dem Sarg des verstorbenen Großvaters. Stille. Die Sonne glüht. Die Hände vors Gesicht geschlagen. Stille. Eine Katze miaut. Klettert über den verzweifelten Mann. Großaufnahme vom Boden. Tränen fallen auf ihn nieder, bilden Flecken. Stille. Kein symbolischer Regen, kein Schauspieler, der sich ekstatisch austobt, kein manipulierendes Orchester, keine voyeuristische Großaufnahme! Oder, wenn der verrückte Ömer das Prinzip der Umlaufblende des Filmprojektors am eigenen Leib entdeckt, indem er ganz schnell mit den Augen blinzelt, wird es auch für uns eine nicht weniger unmittelbare Entdeckung: Aus Ömers Perspektive sehen wir die abgehackten, flackernden Bewegungen der vorbeilaufenden Passanten, bis Ömer sich zur Bewußtlosigkeit verausgabt.

Schiffe aus Wassermelonen ist die Allegorie desselben Prozesses, nach dem der Film formal strukturiert ist: Ahmet Ulucay erzählt die Geschichte von der Entdeckung des Lichts, der Erfindung eines Holzprojektors, der Fantasie und letztlich des Kinos mit beinahe ebenso primitiven Mitteln, nämlich Digitalkamera, Naturlicht und Laiendarsteller, wie er seinen Protagonisten zur Verfügung stellt: eine Taschenlampe, ein paar Schnipsel einer Filmrolle, eine handvoll filmhungrige Dorfkinder. Vielleicht meint das an die rationale Linearität westlicher Dramen gewöhnte Auge hier und da eine Langatmigkeit, eine Ausschweifung entdeckt zu haben, aber Schiffe aus Wassermelonen ist weniger ein sich streng von A nach B entwickelndes Coming-Of-Age-Drama, sondern vor allem ist es die zärtlich-poetische Erinnerung daran, daß Filme in einer komplizierten Art und Weise nichts weiter anstreben, als die Fixierung von Träumen. Träume, die sich aber nicht unbedingt erfüllen müssen, denn wer auf einem Schiff fährt, das aus Wassermelonen gebaut ist, sinkt schnell. 1970-01-01 01:00
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