— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Samsara

D 2001. R,B: Pan Nalin. B: Tim Baker. K: Rali Raltchev. S: Isabel Meier. M: Cyril Morin. P: Pandora. D: Shawn Ku, Christy Chung, Neelesha BaVora, Tenzin Tashi, Jamayang Jinpa u.a.
138 Min. Kinowelt ab 29.8.02
Von Oliver Baumgarten Als Siddharta mit 29 Jahren seine Frau Yasodhara verließ, tat er dies vermutlich aus einer Unzufriedenheit heraus. Vielleicht hatte er das Bedürfnis, einen neuen Weg zu gehen oder mit dem Tenor des Films gesprochen: Vielleicht hatte er das Bedürfnis, nicht mehr allen Bedürfnissen nachgeben zu müssen. In jedem Falle aber war es ein Wechsel von Extremen und am Ende, als Buddha, eine Entscheidung für den Kompromiß.

Tashi, der junge Held in Pan Nalins Samsara, beschreitet den umgekehrten Weg. Als 5jähriger in den Kreis buddhistischer Mönche aufgenommen, entdeckt er mit etwa zwanzig nach dreijähriger extrem asketischer Meditation die Sexualität und mit ihr den Reiz des Weltlichen, dem er ohnmächtig anheimfällt. Er verläßt das Kloster, heiratet, bekommt ein Kind, lernt, geschickt mit Geld umzugehen, lebt Rache aus und Aggressionen, begehrt andere Frauen und erwirtschaftet sich Ansehen. Ein braves, ein normales bürgerliches Leben in Nordindien – bis erneut Zweifel über diesen Weg entstehen.

Auch beim Leser könnten nun Zweifel entstehen: ein Esoterik-Müsli aus Buddhismus, »Schicksal als Chance« und Dale Carnegie? Eines der Art, wie sie Enddreißiger in Räucherstäbchenduft getränkten Indio-Hemden in Frauenbuchläden auf Video ausleihen?

Samsara ist großes Kino und das zu allererst. Selbst die stets volle Ausschöpfung des Cinemascope vermag die Weiten des Himalaja nicht zu erfassen. Die Schärfenbrillanz, laut Pan Nalin begünstigt durch die Höhenluft, suggeriert dem Auge, noch das kleinste Detail in perfekter Auflösung entziffern zu können. Pan Nalins und Isabel Meiers Erzähltempo ist von solcher Einheit, daß es mehr noch als die ätherische Musik die Wiege für das Sicheinlassen auf die Parabel, auf das zu entschlüsselnde Märchen bildet, das durch klare Simplifizierungen eine gewisse Allgemeingültigkeit impliziert. Denn natürlich steckt Samsara voll jener Weisheiten, die allmorgendlich die Kalenderblätter zieren und mit denen man sich im Westen hinwegtröstet über das Unsinnliche der Konsumwelt.

Warum auch nicht? Das Entscheidende liegt darin, daß diese Ebene als Angebot formuliert wird, auf das jeder mit unterschiedlicher Intensität eingehen kann. Die Emotionen und den (durchaus weltlichen) Pathos erzielt Nalin durch die Komposition einzelner Szenen, durch die Beobachtung der bemerkenswert gespielten Figuren und die unbändige Lust an Farben. So überwältigend die Panorama Shots sein mögen, seine wahre Kunst entfaltet Nalin in den Szenen besonders naher Einstellungen auf die Hauptfiguren. Essen, Trinken, Sex, all jene Bedürfnisse, denen Tashi lange entsagte, inszeniert Nalin mit einer Sinnlichkeit und genießender Ursprünglichkeit, die die Sehnsucht Tashis danach überdeutlich werden lassen. Pema, Tashis spätere Frau, wird von Nalin in den ersten Szenen ausschließlich über die Darstellung ihrer Hände eingeführt. Da Tashi keiner Frau in die Augen schauen darf, wird der Zuschauer hier sanft in eine Subjektive gelenkt, deren ästhetisierter Suggestionskraft er kaum widerstehen kann.

Pan Nalins Spielfilmdebüt nach Dokumentarfilmen wie Ayurveda zeugt von einem klaren Gespür für Momente und für eine Atmosphäre, die durch ihre sinnlichen Stärken – akustischer und optischer Natur – den Zuschauer bei der Konzentration lassen. Ein wunderschönes Märchen und eine anregende Reflexion über die Säulen des Buddhismus. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap