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Sakuran

J 2006. R: Mika Ninagawa. B: Yuki Tanada. K: Takuro Ishizaka. S: Hiroaki Morishita. M: Ringo Shiina. P: Fellah Pictures. D: Anna Tsuchiya, Masanobu Ando, Kippei Shiina u.a.
111 Min. Rapid Eye Movies ab 30.8.07

Goldfische in Knallfarben

Von Dietrich Brüggemann Als ich vor sehr vielen Jahren zum ersten Mal Fritz Langs Metropolis sah, war ich einigermaßen erstaunt, daß das Vergnügungsviertel, der Sündenpfuhl, in dem der Roboter in Gestalt der schönen Brigitte Helm mit enthemmten Tänzen die Männer in Raserei versetzt, den japanisch klingenden Namen »Yoshiwara« trug, was in diesem sehr deutschen Film wie ein merkwürdiger Fremdkörper klang. Irgendwann erfuhr ich dann, daß das Rotlichtviertel von Tokio auch so heißt, was die Sache nicht wirklich erklärt, aber elegant zu dem Film überleitet, um den es hier geht. Der spielt nämlich im echten Yoshiwara, im 17. Jahrhundert, eigentlich aber eher in einer zeitlos durchgestylten Manga-Pop-Welt. Das Verhältnis von Frauen und Männern und Sex ist da ja sowieso ganz anders als bei Fritz Lang und uns, Sex ist nicht von Tabus umstellt und kann deswegen auch gar nicht moralisch aufgeladen, lüstern verrucht und irgendwie verboten sein. Es geht nämlich sowieso nicht um Sex, sondern um Macht und Hierarchien in einer streng gegliederten Gesellschaft.

Yoshiwara ist hier ein Ort für die gehobenen Stände, in dem ein Mann sich die Zuwendung einer Kurtisane erstmal verdienen muß. Wir sehen das Mädchen Kiyoha, das in jungen Jahren ins Bordell verkauft wird und dort aufwächst. Immer wieder will sie ausbrechen und sich dem Zwang nicht unterwerfen, doch immer wieder wird sie eingefangen und gezüchtigt. Eines Tages, verkündet sie trotzig, wird sie selber »Oiran« werden, das ist die ranghöchste Kurtisane, der so ziemlich alles zu Füßen liegt. So kommt es dann auch, doch noch immer sehnt sie sich nach der Freiheit.

Sakuran ist eine Orgie aus Farben, Gewändern und Dekorationen, und man muß es der Regisseurin Mika Ninagawa, in Japan eine bekannte Fotographin, hoch anrechnen, daß sie darüber ihre Geschichte nicht vernachlässigt. Trotzdem ist es nicht die Geschichte, die am Ende hängenbleibt, sondern die Bilder. Mika Ninagawa liebt Goldfische. Auf ihrer Website kann man Goldfische in allen Größen, Formen und Farben angucken, und beherrschendes Motiv des Films ist ein riesenhaftes Aquarium, das den gesamten Querbalken des Eingangstors nach der Hauptstraße ausfüllt. In den Häusern gibt es andere, viel zu kleine Goldfischgläser, und wenn eins mal aus Versehen umgeworfen wird, zerbricht es, und die Goldfische sterben. So ähnlich, sagt man, soll es einer Kurtisane gehen, die ausbricht und die Freiheit sucht.

Das hört sich wiederum nach einer ordentlichen Portion Pathos an, aber der Film weicht dem geschickt aus. Immer wieder durchbrechen quietschbunte Popsongs die Handlung und verwandeln den Film in ein Musikvideo, dennoch bleibt man dran an der Entwicklung der Hauptfigur, und wenn man zwischendurch mal den Faden verliert, dann liegt das vielleicht eher daran, daß die Asiaten, zumal in diesen Kostümen, für unsere Augen doch irgendwie alle ähnlich aussehen. Erst gegen Ende verliert der Film selber ein bißchen den Faden und weiß nicht mehr so recht, wohin mit sich. Dafür ist das Ende, als es endlich kommt, schön einfach und einfach schön.

Aus dem fernen Osten kommen ja immer wieder Filme, bei denen man von vornherein überhaupt nicht durchsteigt, weil irgendwie alles durcheinander passiert oder auch gar nicht. Das ist dann eine andere Erzählweise, sagt man, eine grundlegend andere Form der Dramaturgie, die wir nicht so recht verstehen. Seltsamerweise gibt es aber auch immer wieder Fernostfilme, die durchaus eine klar verständliche Handlung haben. Vielleicht können die Japaner da irgendwie ihre Rezeption umschalten. Mir persönlich sind im Endeffekt dann doch Filme mit Handlung lieber, das ist eine rein private Vorliebe, und Sakuran ist einer von dieser Sorte. Außerdem hat er Bilder, die man anderswo lange suchen müßte – nicht ganz so monumental wie Metropolis, aber dafür bunter. 1970-01-01 01:00
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