— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Russian Ark

Russkij kovcheg. D/RUS 2002. R,B: Aleksandr Sokurov. B: Anatoli Nikiforov, Boris Khaimsky, Svetlana Proskurina. K: Tilmann Büttner. M: Sergej Jevtuschenko. P: Egoli Tossell, Hermitage Bridge. D: Sergej Dreiden, Maria Kusnetsova, Leonid Motskovoi u.a.
95 Min. Delphi ab 1.5.03

Mimikry des Schnitts

Von Oliver Baumgarten Alexander Sokurovs neuer Film ist ein Experiment, das sich anschickt, die Definition des Filmischen auf formaler Ebene ad absurdum zu führen. Sokurov produzierte einen 90minütigen Film, der ohne sein einzig originäres Kunstgattungsspezifikum auskommt, der also über keinen einzigen Schnitt verfügt. Ein solcher Versuch erscheint zunächst bloß aus einer Art sportlichen Sicht heraus beachtlich, immerhin: Es ist ein Weltrekord.

Diese zweifelhafte Trophäe aber ist lediglich Nebeneffekt für einen viel größeren Coup: ein Speichersystem zu erfinden, das 90 Minuten lang Kamerabilder aufnimmt – das Kunststück haben Mitarbeiter von »director's friend« technisch lösen können. Sokurov geht aber einen entscheidenden Schritt weiter und erhebt in einem Film ohne Schnitt Zeitsprünge zum dramaturgischen Konzept und damit eine filmische Strategie, die seit Anbeginn elegant und bequem ausgerechnet durch die Montage gelöst wurde. Ganz auf den Effekt des Filmschnitts allerdings konnten Sokurov und Büttner dann aber doch nicht verzichten – in gewisser Weise ahmt die Kamera in Momenten den Schnitt nach.

Russian Ark erzählt das Aufeinandertreffen zweier Zeitreisender, gefangen in einer Art Schlaufe stetig wechselnder Epochen. Der eine, Kamera-Ich und Erzähler aus realer Gegenwart, der andere ein französischer Diplomat von irgendwann. Sie treffen in der eindrucksvollen St. Petersburger Eremitage zusammen und durchschreiten dort 33 Zimmer, jedes verbunden mit einer Begebenheit aus 300 Jahren russischer Geschichte: Katharina die Große bei der Theaterprobe, das (letzte) Frühstück der (letzten) Zarenfamilie, ein feudaler Ball, Peter der Große beim Regieren.

Wie die Steadycam-Optik aus der Hand des tapferen Tilmann Büttner gleiten die beiden kreuz und quer durch die zaristische Epoche Rußlands. Die schwebende Optik der Kamera, der stete Fluß der Fahrt, das betuliche Agieren und das eigenwillige Tempo nebst lakonischer Dialoge bilden nach einer Weile eine fast meditative Einheit und visualisieren eine bruchlose Reise durch die Zeit. Sokurov und Büttner (wobei hier auch Komponist Sergej Jevtuschenko zu nennen wäre) ist es gelungen, für ihr formales Konzept eine dramaturgische, aber vor allem atmosphärische Entsprechung zu finden.

Dennoch: Russian Ark bleibt ein Experiment, ein filmischer Gag. Er kommt zwar ohne Schnitt aus, aber ob er auch keinen benötigt? Bei aufmerksamer Betrachtung sind zahlreiche Momente wahrzunehmen – zumeist am Ende von Szenen – in denen die Spannungskurve, gerade was die Bilder anbetrifft, rapide sinkt und nur äußerst langsam zu steigen vermag: Momente, in denen sonst ein Schnitt der Langeweile entgegenwirkt.

Um diesem Problem teilweise aus dem Wege zu gehen, hat Tilmann Büttner mitunter eine Art Schnittersatz kreiert. Blickt man auf die Feinheiten der technischen Umsetzung, so fällt in diesem Zusammenhang beispielsweise folgende Szene auf: Kurz vor dem Wechsel in einen anderen Raum geht Büttner bildfüllend nah auf die Hände eines Protagonisten, der sich weiße Handschuhe überstreift. Nach einer Weile verschwindet jener rasch vom Objektiv und gibt eine Totale des mit dem Diplomaten fertig arrangierten Raumes frei – dank der Tiefenschärfe ein augenblicklich präsentes Bild.

Wie ein Insert-Schnitt wirkt dieser Wechsel von Einstellungsgrößen, der – das läßt sich natürlich nur vermuten – sicher auch für logistische Zwecke genutzt wurde. Gerade die massiven Probleme der Fokus- und Zoomeinstellungen suchte Büttner, das wird an Stellen wie beschrieben mehrfach deutlich, mit ähnlichen Kniffen einzudämmen. Da das nicht immer gelingt, bleibt am Ende der nicht erstaunliche Eindruck, daß die nicht vorhandenen Schnitte in Russian Ark deutlicher zu spüren sind als alle durchschnittlich 300 in gutem Mainstream. 1970-01-01 01:00

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