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Running Out of Time

HK 1999. R: Johnnie To. B: Laurent Courtiaud, Julien Carbon. K: Ching Siu-tung. S: Chan Chi-wai. P: Milky Way. D: Andy Lau, Lau Ching-wan, Yoyo Mung, Lee Chi-hung, Hui Shiu-hung u.a.
92 Min. REM ab 28.9.00
Von Andreas Ungerböck Lange Zeit war die Arbeit beim Fernsehen der geradezu »klassische« Einstieg für alle ambitionierten Jungregisseure in Hongkong und ein perfekter Ersatz für die Filmschule. Vor allem bei TV-Serien lernten sie das schnelle Arbeiten unter Zeit- und Erfolgsdruck, das vielen von ihnen in ihrer Filmkarriere enorm zugute kam. Und man brachte ihnen bei, sich in allen Bereichen der Produktion und in allen Genres zurechtzufinden. Johnnie To (Du Qifeng) ist da keine Ausnahme. Er begann bereits 1973, als 18jähriger, beim Fernsehen.

1980 entstand sein erster Film, The Enigmatic Case, und seither ist Johnnie To als Regisseur bzw. Produzent aus der Filmszene Hongkongs nicht wegzudenken. Trotzdem galt er lange Zeit nicht unbedingt als großer Regisseur; umso mehr bewies er als Produzent eine sehr gute Hand. A Moment of Romance (1990, Regie: Benny Chan), die Geschichte einer unmöglichen Liebe zwischen einem Gangster und einer Tochter aus reichem Haus, ist gewiß einer der besten und aufwühlendsten Filme der Hongkong-Filmgeschichte.

Erst mit Heroic Trio (1993), den To zusammen mit dem Action-Spezialisten Ching Siu-tung und einer Starbesetzung (Anita Mui, Maggie Cheung, Michelle Yeoh) auf die Beine stellte, wurde man wieder auf den Regisseur Johnnie To aufmerksam. 1996 gründete To zusammen mit Wai Ka-fai die Firma Milky Way Image, die vor allem Filme des ehemaligen John-Woo-Assistenten Patrick Yau (The Odd One Dies, The Longest Nite, Expect the Unexpected) produzierte. Milky Way gilt als »Modellfirma«, in der der Teamgedanke groß geschrieben wird.

1998 kam plötzlich mit A Hero Never Dies Johnnie Tos Regiekarriere nochmals in Schwung. 1999 entstanden gleich drei Filme: Where a Good Man Goes, Running Out of Time und The Mission (von den Kritikern Hongkongs als bester Film des Jahres 1999 ausgezeichnet; To wurde von den Kritikern, aber auch bei den Hongkong Film Awards 2000 zum besten Regisseur gekürt), und 2000 schon wieder zwei. Mit seinen Hauptdarstellern (bevorzugt: Lau Ching-wan und Andy Lau) und einem festen Stab an Mitarbeitern ist ein gereifter Johnnie To dabei, seinen eigenen filmischen »Kosmos« zu schaffen. Seit Jahrzehnten erprobte Figuren- und Geschichtenkonstellationen, denen er, darin liegt der Clou, neue Twists abtrotzt.

Running Out of Time ist vielleicht das schönste Beispiel. Den Plot, im wesentlichen das Katz- und Maus-Spiel zwischen einem supercoolen Gangster (Andy Lau), der nichts zu verlieren hat, weil er todkrank ist (siehe Titel!), und einem überaus fähigen Polizisten (Lau Ching-wan), kann man in einem Satz erzählen, nicht aber Johnnie Tos unglaublichen Einfallsreichtum und die zahlreichen Wendungen, die er seinen Helden auferlegt. Wenn Routine eine Tugend ist, dann hat Johnnie To sie zur Perfektion genutzt.

Running Out of Time ist kraftvoll erzählt, mit kühner Eleganz in Szene gesetzt und von den beiden Hauptdarstellern meisterlich gespielt. Vor allem Hongkongs Kuschelbär Andy Lau, den viele ja nicht für einen der größten Schauspieler der Welt halten, wächst – wie immer, wenn ihn ein Regisseur (z.B. Wong Kar-wai in As Tears Go By) richtig fordert – über sich hinaus. Ohne den Star-Appeal der beiden würde der Film auch nicht funktionieren, er ist einfach auf sie zugeschnitten. Man merkt in jeder Szene das blinde Einverständnis zwischen Regisseur, Team und Darstellern. Ein mustergültiger Action-Knaller, wie ihn Hollywood schon seit Jahren nicht mehr zustande bringt. 1970-01-01 01:00

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