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Ruby und Quentin – Der Killer und die Klette

Tais toi! F/I 2003. R,B: Francis Veber. K: Luciano Tovoli. S: Georges Klotz. M: Marco Prince. P: Said Ben Said, UGC. D: Jean Reno, Gérard Depardieu, André Dussollier, Richard Berry u.a.
85 Min. Splendid ab 17.6.04

Drum prüfe, wer sich ewig bindet

Von Thomas Warnecke In einem der spießigsten Gedichte deutscher Zunge, dem »Lied von der Glocke« des Schwaben Friedrich Schiller, heißt es: »Der Mann muß hinaus / Ins feindliche Leben«, während »drinnen waltet / die züchtige Hausfrau.« Als solche malt sich Quentin seine Zukunft aus, der sich nichts sehnlicher wünscht, als mit dem schweigsamen Ruby eine Gaststätte in seiner Heimatstadt Montargis zu eröffnen, wogegen dieser lieber weiter mordend und brandschatzend seiner Killer-Profession folgen will. Es geht um das, was in Beziehungen gerne als »Klammern« bezeichnet wird, und von solch einseitiger Zuneigung lebten schon viele Komödien Francis Vebers. Früher übernahm Pierre Richard den »weiblichen« Part; erinnert sei nur daran, wie Depardieu ihn in Zwei irre Typen auf der Flucht (Les Fugitivs) in Frauenkleider steckte und über die Grenze schleppte.

Diesmal ist Depardieu der sanftmütige Trottel, und durch ihn wird Ruby und Quentin zu einer Wiederbegegnung mit einem großen Filmschauspieler. Mit aufgeplustertem Haupthaar und aufgerissenen Augen mimt er den Tölpel, der sich an Jean Renos kamelgesichtigem Killer abarbeitet. Als Quentin trägt er ein großes Herz auf der Zunge und wird deshalb mit Ruby in eine Zelle gesperrt, um diesen auf die Palme und damit zum Reden zu bringen. Stattdessen verhilft er ihm zur Flucht: Szene für Szene dürfen wir zusehen, wie ein Meister eine sogenannte turbulente Komödie in Gang setzt. In Schillers Glocke heißt das: »Denn wo das Strenge mit dem Zarten, / Wo Starkes sich und Mildes paarten, / Da gibt es einen guten Klang« bzw. Komik. So zeitlos also das Verfahren, so fast altmodisch liebenswert das Personal, gelingen Veber und seinem Kameramann Luciano Tovoli doch Einstellungen auf der Höhe der Zeit – eine Stärke französischer Genreproduktionen: Trotz genreverhafteten Plots sieht Ruby und Quentin nicht wie eine postmoderne Parodie aus, sondern realistisch, oder, um es weniger problematisch auszudrücken: Die Einstellungen von Straßen und Häusern, die Requisiten und auch die Stars und Nebendarsteller transportieren eine gewisse Alltäglichkeit.

Die klassische Komödie endet, wenn sich das Paar gefunden hat, das Buddy-Movie beginnt erst dann: Ruby und Quentin ist ein Film über die Ehe – auch in seinen Filmen mit explizit homosexueller Thematik, vom Tunten-Klamauk Ein Käfig voller Narren inklusive Fortsetzung und amerikanischem Remake, deren Drehbücher er verfaßte, bis zu seinem letzten Film, Ein Mann sieht rosa, ging es Francis Veber nie um bestimmte sexuelle Präferenzen, sondern darum, wie man sich in menschlichen Beziehungen arrangiert – »Die Leidenschaft flieht! / Die Liebe muß bleiben«. Zwischendurch gilt, es ist ja eine Komödie: »Wehe, wenn sie losgelassen« bzw. »Alles rennet, rettet, flüchtet«.

Sein halbes Leben lang hat Francis Veber daran gearbeitet, sich lustige Filme auszudenken und dann auch zu drehen, und es bleibt zu hoffen, daß er mit Hilfe seiner Erfahrung noch viele Filme wie Ruby und Quentin dreht, also sozusagen noch lange die Ernte guter Arbeit einfährt: »Schwer herein / Schwankt der Wagen, / Kornbeladen, / Bunt von Farben / Auf den Garben / liegt der Kranz ,/ Und das junge Volk der Schnitter / Fliegt zum Tanz.« Danke, Schiller. 1970-01-01 01:00
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