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Rot und Blau

D 2002. R,B: Rudolf Thome. K: Michael Wiesweg. S: Dörte Völz-Mammarella. M: Wolfgang Böhmer. P: Moanafilm. D: Hannelore Elsner, Serpil Turhan, Hanns Zischler, Karl Kranzkowski u.a.
122 Min. academy films ab 15.1.04

Farbenspiel

Von Franziska Nössig In der Vereinigung einer Vielzahl von Techniken und Fertigkeiten wird ein Film zu einem Gesamtkunstwerk. Wie Ziegelsteine sind sie aneinandergereiht und perfekt aufeinander abgestimmt, so daß man die einzelnen Fugen nicht mehr erkennt. Doch sobald ein Element fehlt oder übermäßig eingesetzt wird, verliert die (filmische) Konstruktion das nötige Gleichgewicht.

Rot und Blau gerät ins Taumeln, weil er zu viel hat: Der neue Film von Rudolf Thome weist einen Ideenreichtum auf, der nach kurzer Zeit nur noch anstrengend ist. Zu engmaschig ist der Plot gestrickt, als daß ihm diese Fracht an Material gut täte. Gleichzeitig fehlt die echte, die essentielle Information, die dem Zuschauer die Figuren näherbringt.

Die Aktion der Protagonistin ist zunächst noch verständlich: Nach dem Tod ihres Vaters verläßt sie die Türkei, um in Deutschland ihre Mutter Barbara zu suchen. Diese hatte sich nach der Geburt von Ilke vor 20 Jahren vom Vater getrennt. Inzwischen ist sie verheiratet und Mutter von zwei weiteren Kindern. In dieser Familiensituation erscheint nun Ilke, und außer dem geerbten Geld bringt sie einen Hauch Vergangenheit mit sich. Die viel genutzte Thematik des verlorenen und wiedergefundenen Kindes stellt Thome in ordentlicher Parademanier dar, doch er erzählt keine neue Geschichte. Indem er das bekannte Muster nicht im geringsten variiert, bleibt der gesamte Plot kraftlos und ohne Schwung. Da hilft auch die Ansammlung von Ideen nicht, aus denen Barbaras Vergangenheit konstruiert wird: der Ex-Partner mit seinen Teppichen, die Lieblingsfarben Rot und Blau, die beinah vergessene Grundschulliebe, die Tochter selbst. Das »Früher« soll sich wie ein roter Faden durch den Film und das Leben der Figuren ziehen. Ilkes Vergangenheit wird zu einem Potpourri aus 1001-Nacht-Träumen, das nur als exotischer Hintergrund dient. Schön bunt, aber zu trivial, um daran eine Geschichte festzumachen.

Auch bei der Charakterisierung der Figuren ist zu viel an Material und zu wenig an Substanz vorhanden. Der Zuschauer muß sich mit Andeutungen über Barbaras Arbeit oder ihre Ehe begnügen. Sie liegen vor ihm ausgebreitet wie Puzzleteilchen, die den Rahmen des Spiels bilden. Spielleiter Rudolf Thome füllt jedoch keinen Inhalt in diese Form. An anderer Stelle könnte das vielleicht als Kunstgriff gelten. Hier stört das Überladen mit Anspielungen, die aufgrund fehlender Interpretation keine Berechtigung finden. Statt dessen werden schnelle Schlüsse gezogen, wie zum Beispiel über die mentale Verbindung zwischen Mutter und Tochter. Ein Match Cut suggeriert zu Beginn des Films die noch ungeahnte Nähe zwischen Barbara und Ilke: Beide befinden sich an unterschiedlichen Orten und sinnen nach bzw. meditieren. Dieser Schnitt findet jedoch keine Wiederholung und wirkt unmotiviert. Denn allein diese zwei Einstellungen machen Mutter und Tochter einander nicht ähnlicher. Auch die Gemeinsamkeit, Spaß am Singen zu haben, demonstriert keine Verwandtschaft, sondern ein zu sehr abgenutztes Märchen.

In ähnlicher Weise wie die Häufung von Hinweisen läuft auch die Filmmusik ins Leere. Sie scheint ein Unheil anzukündigen, das nie passiert. In beständigem Moll legt sie einen Schleier von Melancholie auf die Bilder – viel zu heftig für deren schwache Aussage. Natürlich lösen sich schließlich Spannung und Befürchtungen »irgendwie« auf. Doch gerade an diesem Wie ist man als Zuschauer interessiert. Da es einem nun vorenthalten wird, fühlt man sich letztendlich um den Höhepunkt betrogen.

Rot und Blau weist ein großes Potential an Themen auf und bietet Ansätze zu eindringlichen Charakterstudien. Doch im Bestreben, gleichzeitig Themen und Charaktere mit derselben Intensität darzustellen, verliert der Film an Zusammenhang. Vor einem Kosmos an Ideen sind die Figuren zu oberflächlich gezeichnet. Anstatt eines verständnisvollen Nickens steht ständig ein »Warum?« im Vordergrund, da man weder die Personen des Films noch ihre Handlungen begreift. 1970-01-01 01:00

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