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Rocky Balboa

USA 2006. R,B: Sylvester Stallone. K: J. Clark Mathis. S: Sean Albertson. M: Bill Conti. P: MGM, Rogue Marble, Columbia Pictures Corporation u.a. D: Sylvester Stallone, Antonio Traver, Burt Young, Geraldine Hughes, Milo Ventimiglia u.a.
102 Min. Fox ab 8.2.07

Wild Bunch im Ring

Von Matthias Huber »Fighters fight!« – und zwar im Ring. Da gibt es den jungen, aktuellen Champion, Mason Dixon, und wenn ihm seine Manager unterbreiten, daß er ein Image-Problem hat, dann geht er währenddessen in seinem Sparringsring auf und ab. Und dann ist da Rocky, Rocky Balboa, einer der »greatest of all time« in dieser kleinen Parallelwelt, wo es eben wirklich mal einen Boxer gab, dem es gelang, mit eisernem Willen und vor allem viel Herz auch die aussichtslosesten Kämpfe zu gewinnen. Er will zurück in den Ring, »nothing big, just local stuff, you know«, doch die Lizenz wird ihm verwehrt. Und er kämpft darum, im ersten großen Magic Moment dieses sechsten Teils des Franchises. Rocky steht da, vor der Kommission, im Anzug, gefilmt zwischen den Schultern zweier Kommissare hindurch. Das Bild wippt nach links und rechts, es ist beinahe ein Point-of-View-Shot eines Boxers auf seinen Kontrahenten, und auch Rocky ist in Bewegung, während er sein unbeholfenes Plädoyer vorträgt, verlagert sein Gewicht ständig von links nach rechts, von rechts nach links. Dies hier ist nicht Rockys Ring, aber aus seiner Haut kann er auch hier nicht: »Fighters fight!«, immer, auch wenn die ganze Welt glaubt, es wäre bereits zu spät dafür.

A propos Magic Moments: Genau hier liegt Stallones große Leistung. Bei all dem nicht zu leugnenden Hang zu Kitsch und Pathos gelingt es Rocky Balboa trotzdem, seine kleine Loser-Ideologie vom würdevollen Scheitern nicht lächerlich wirken zu lassen. Und vielleicht ist es gerade der melancholische Ansatz des Films, der ihn davor rettet, nur verklärt-nostalgisch zu erscheinen. Wenn Rocky mit Paulie durch Philadelphias nächtliche Straßen streift, und sich mit ihm über alte Zeiten unterhält, dieser davon aber gar nichts wissen will: »Yesterday wasn't so great!«

Natürlich ist Rocky Balboa in erster Linie Selbstreminiszenz eines Sylvester Stallone, der seine erfolgreichen Jahre hinter sich hatte. Der Film wird dadurch angreifbar, das ist nicht zu bestreiten. Auch die vielen kleinen handwerklichen Unzulänglichkeiten tun ein Übriges: die Handvoll Rückblenden, mit kitschigen Variationen der alten Scores unterlegt und vielleicht sogar hinter einem Farbfilter; das Midlife-Crisis-Gerede der alten Herren hier, auf der Straße, im Lokal, am Boxring. Geht man voreingenommen in den Film, so sieht man ein Konstrukt, das auf den ersten Blick vor allem narzißtisch wirkt, nichts weiter. Bis zur eingangs erwähnten Sequenz, wo Rocky erstmals wieder der Boxer sein darf, nicht mehr nur der (fast) alte Mann. Spätestens jetzt wird offenbar, was diesen sechsten Teil des Franchises nach mindestens drei Fehlschlägen auf einmal wieder funktionieren läßt: Stallone hat hiermit keine Fortsetzung mehr abgeliefert. Oder vielleicht die einzige wirklich passende Fortsetzung zu seinem ersten Film. Rocky Balboa ist eine Neuerzählung der ursprünglichen Geschichte, mit einem lediglich 30 Jahre gealterten Protagonisten. Der Titel ist da Programm, kein »Rocky VI«, sondern ein wenig auch eine neue Serie, ein neuer Anfang.

Am Schluß bricht Stallone endgültig mit der Tradition der Serie: Der Film friert nicht nach dem Kampf auf einem Standbild des triumphierenden Rocky ein, bevor der Abspann startet, sondern zelebriert den Abschied regelrecht. Wir sehen Rocky, wie er die Box-Arena verläßt, wie ihm zugejubelt wird, wie er – ein letztes Mal, daraus macht Stallone im Film wie in Interviews keinen Hehl – in der Menge badet. Und er gönnt sich zuletzt sogar noch einen Abschied von Adrian, der zweiten ganz zentralen Figur der Reihe, zeigt Rocky an ihrem Grab. Rocky hat ein großes »Lebewohl« bekommen, das Cliffhanger-Ende der Vorgänger weicht einem Ausklang, der seinen Helden endlich in den Ruhestand schickt. Dafür reicht es, daß dieser Charakter noch einmal der sein durfte, als der er anfing.

Jedenfalls ist Rocky Balboa viel eher Neuinterpretation als schnödes Sequel, und eine Weiterentwicklung vor allem auf Ebene des Genres. Stallone überträgt das Subgenre des Spätwesterns ungebrochen auf den Sportlerfilm. Es ist allerdings nicht der pessimistische Blick eines Il Grande Silenzio oder eine intellektualisierte Umdeutung wie in Unforgiven, die Stallone mit dem Sportlerfilm vollzieht. Vielmehr orientiert er sich an Sam Peckinpah, genauer: an dessen The Wild Bunch. Alte Helden oder Antihelden, die ihren Zenit längst überschritten haben, und eigentlich nur noch sich selbst etwas beweisen wollen, spielen hier die Hauptrollen, und in Rocky Balboa ist das nicht anders. Der Untergang in Würde, und vor allem: bevor es dafür zu spät ist. Wenn in Peckinpahs Film am Schluß Pike Bishop und seine Mitstreiter im Kugelhagel der gesichtslosen Feinde untergehen, sich dabei aber noch zigmal wieder aufbäumen, nur um sich die nächste Kugel einzufangen, dann ist das auch Rocky, der von seinem Gegner Schlag um Schlag verpaßt bekommt, mehrmals zu Boden geht, aber einfach nicht unterzukriegen ist und auch am Schluß noch steht, wenn auch als Verlierer des Kampfes. Pike Bishop und Co. erscheinen im Abspann noch einmal, laut lachend. Und dieser Triumph in der eigenen Niederlage, diese Gewißheit, mit fliegenden Fahnen untergegangen zu sein, macht sich Rocky Balboa zum ganz zentralen Thema. Dabei blickt Stallone selbst tatsächlich sehr selbstkritisch auf sein – zugegeben: forciertes – Comeback.

Dieser Film ist nicht perfekt geworden, in vielerlei Hinsicht. Aber Rocky hat es noch einmal allen gezeigt und ebenso sein Regisseur. Das Ergebnis ist nicht so stilsicher oder sorgsam bebildert wie Peckinpahs Film, klar. Aber in der Wiederholung dessen beinahe ideologischer Nostalgie ist er mindestens so liebenswert. Ja, Rocky Balboa ist Stallones ganz persönlicher Wild Bunch! 1970-01-01 01:00
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