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Robots

USA 2005. R: Chris Wedge. B: Lowell Ganz, Babaloo Mandel, David Lindsay-Abaire u.a. S: John Carnochan. M: John Powell. P: Blue Sky, Fox Animation.
91 Min. Fox ab 17.3.05

Antikapitalistischer Wolf im Animationspelz

Von Holger Liepelt Das Erbe ist angetreten: Der computergenerierte Animationsfilm bestimmt den Markt des abendfüllenden Trickfilms. Der Übervater des amerikanischen Zeichentricks, Disney, kann nur noch damit für sich einnehmen, Pixar als erster unter Vertrag genommen zu haben, während die eigenen Filme Ausdruck des Niedergangs sind. Und seit dem kruden Titan A.E., der den Charme klassischer und die Möglichkeiten computergenerierter Animation versöhnen sollte, ist auch von Don Bluth nichts mehr zu hören. Wer heute Trickfilm sagt, meint CGI, und bei lediglich drei Studios, die die großen Filme bisher produziert haben, gestaltet sich der Markt bis jetzt noch recht übersichtlich. Die Studios – Pixar, Dreamworks und Blue Sky – konkurrieren nicht nur um Marktanteile, sie stehen auch für unterschiedliche Philosophien darüber, was Trickfilm leisten kann und soll.

Bei Pixar, egal, welcher Drehbuchautor oder Regisseur für den einzelnen Film verantwortlich ist, bestimmen prototypische Kinderphantasien den Tenor der Filme: Spielzeug, das ein Eigenleben hat, Tiere mit Bewußtsein und Persönlichkeit, oder das Monster im Schrank. Aus dieser Grundidee heraus werden Geschichten mit Konflikten entwickelt, die äußerlich dieser Phantasiewelt entspringen, im Kern aber existentiell sind. Die Methode, stellvertretend innerhalb einer animierten Natur die großen Probleme des menschlichen Lebens zu wälzen, hat Pixar von Disney übernommen, jedoch den stereotypen dramaturgischen Ballast, der sich bei Disney im Laufe der Zeit angesammelt hat, zurückgelassen.

Die Filme von Dreamworks hingegen werden vom Standpunkt aus produziert, daß alle Geschichten schon erzählt sind. Kern der Shrek-Filme sind die immer wiederkehrenden Handlungsmuster aus Märchen und fantastischen Geschichten. Dabei werden diese von den Figuren im Film als solche benannt und dienen als Basis für einige ironische Selbstreflexionen. Angereichert wird dies durch Seitenhiebe auf die Konkurrenz und den Bruch vermeintlicher Trickfilmtabus. Problematisch an den »postmodernen« Animationsfilmen von Dreamworks ist, daß die Klischees zwar offenbart, im Grunde aber sklavisch befolgt werden. Deutlich wird dies bei den anderen Filmen des Studios: Shark Tale und Antz fehlt die reflexive Ebene der Shrek-Filme, sie begnügen sich damit, komödiantische Effekte erzeugen, indem sattsam bekannte Genremuster in das Tierreich übertragen werden.

Die Blue Sky Studios wurden durch ihren ersten Langfilm Ice Age auf breiter Ebene bekannt. Für den Plot wurden auch hier auf vertraute Motive des Road- und Buddymovies zurückgegriffen, aber durch sorgfältiges Charakterdesign und derben Cartoonslapstick ergänzt. Im Ergebnis ist Ice Age eine sympathische Nummernrevue, die nicht den Tiefgang der meisten Pixarfilme erreicht, aber durch die liebevolle Inszenierung länger im Gedächtnis bleibt als die Werke aus den Dreamworks-Studios.

Auch Robots, der aktuelle Film der Blue Sky Studios, greift auf schon bekannte Muster zurück: Die Vision einer Welt voller Roboter stammt aus Futurama, wo sie eine Parallelgesellschaft bilden, die sich nur in Details von der menschlichen unterscheidet. Und genau wie dort haben die Bewohner der Welt von Robots nichts mit den emotionslosen Automaten gängiger Science-Fiction zu tun, jeder hat eine voll ausgebildete, mitunter von Neurosen geplagte Persönlichkeit. Auch der grundlegende Konflikt des Films ist im Kern ein menschlicher: Er dreht sich um den Umgang mit alten und weniger effizienten Mitgliedern der Gesellschaft.

In Robots wird zur Gewinnmaximierung eines Konzerns die Produktion von günstigen Ersatzteilen für ältere Roboter eingestellt und nur noch teure Aufrüstungen verkauft. Kaputte Roboter und alte Modelle, die sich das nicht leisten können, werden von überdimensionalen Kehrmaschinen eingesammelt und in die Unterwelt der Roboterhauptstadt zur Verschrottung verfrachtet – Metropolis et. al. winken von ferne. Dagegen lehnt sich ein Gruppe von Auslaufmodellen auf, die unter der Führung des reparaturtalentierten Rodney Copperbottom gegen den Konzern rebellieren. Geleitet wird dieser von einem Yuppie, der der Handlanger seiner weltherrschaftsambitionierten Mutter ist – auch diese Konstellation ist Futurama entlehnt. Die Wiederherstellung des status pro ante gelingt, als der einstmalige Gründer und gute Geist des Konzerns aus dem erzwungenen Exil befreit werden kann und die Auslaufmodelle zur Revolution aufgerufen werden.

Was in der Zusammenfassung charmant nach einem antikapitalistischen Wolf im Animationspelz klingt, bildet leider nur die Folie für die übliche Heldenselbstfindungsroutine. Zwar kommt es zum Aufstand der gesellschaftlich Geächteten, jedoch wird dessen Zustandekommen mehr als Ergebnis von Rodneys Reifeprozeß als ein notwendiger Umbruch inszeniert. Der große erzählerische Wurf ist Robots also nicht, zumal Konventionen wie die Liebschaft von Rodney aufgesetzt und merkbar lustlos eingebaut sind; sie wird in ganzen zwei Dialogzeilen durchgenommen. Regisseur Wedge und sein Team konzentrieren sich wie schon in Ice Age auf stimmige Charaktere, die sie in gelungenen Slapsticknummern aufeinanderprallen lassen – furios ist beispielsweise die Eröffnungsszene um Rodneys Geburt in seinem Heimatdorf (in dem die nette Oma die mechanisierten Tauben nicht nur füttert, sondern auch aufzieht): Die klassischen Probleme von Heranwachsenden sind äußerst vergnüglich auf die spezifischen Bedürfnisse von Robotern umgemünzt. Später im Film gönnt man dem Zuschauer sogar einen surrealen Moment in einem Meer aus Dominosteinen.

So ist Robots wie schon Ice Age eine Nummernrevue mit Rahmenhandlung. Der optisch reduzierte Cartoonstil, bei Ice Age auch dem Budget geschuldet, wurde bei Robots zwar aufgegeben – technisch spielt der Film mit seinen differenzierten Oberflächenstrukturen und einer effektvollen Ausleuchtung in der Oberliga – aber der Witz und die Sympathie für den Film entspringen den gleichen Quellen.

So bestätigt Robots die Produktionslinie von Blue Sky: Die Story wird episodischem Slapstick untergeordnet, mit dem man durch originelle Einfälle und liebevolles Charakterdesign für die erzählerischen Defizite entschädigt. Auch in Zukunft wollen sich die Studios nicht von der etablierten Linie trennen: Zwar hat Pixar sich mit The Incredibles auf neues dramaturgisches Terrain begeben, scheint mit Cars aber wieder auf den bewährten Animismus zurückzugreifen. Dreamworks wird mit Madagascar wieder eine tierische Variante bekannter Realfilmgenres bieten, diesmal einen Gefängnisausbruch irgendwo zwischen One Flew over the Cuckoo's Nest und Escape from Alcatraz. Blue Sky produziert mit Ice Age 2 das obligatorische Sequel zum Erfolgsfilm, der als Drehbuchautor eingesetzte Simpsons-Veteran Jon Vitti verspricht aber neue Impulse. Zunächst wird aber Robots in den Kinos die Vorherrschaft der CGI-Filme bestätigen, was in diesem Fall niemanden traurig stimmen sollte. 1970-01-01 01:00
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