— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Robotic Angel

Metoroporisi. J 2000. R: Rintaro. B: Katsuhiro Otomo. M: Toshiyuki Honda. P: Metropolis Committee.
108 Min. Rapid Eye Movies ab 31.10.02

Heidi in der Zukunftsstadt

Von Stefan Vockrodt Der Kinofilm war die genuin industrielle Kunstform des 20. Jahrhunderts. Auf Zelluloid, ob schwarzweiß oder in Farbe, ob Normalformat oder Breitwand und Cinemascope – im Kinofilm fanden Träume und Phantasien ebenso Ausdruck wie revolutionäre Ideen und politische Propaganda. Neben narrativen Realfilmen gab es von Anbeginn an den Animationsfilm. Bis in die 80er Jahre ausschließlich handgemacht, hat sich in den letzten zwanzig Jahren der Computer einen immer größeren Platz in der Herstellung von Animations- aber auch von Realfilmen erobert. Heute scheint sich die computergestützte Animation zur genuin industriellen Kunstform des 21. Jahrhunderts zu entwickeln.

Die Grenzen zwischen »realem« und »animiertem« Film verwischen heute, denn so, wie Hollywood vor 75 Jahren den »unsichtbaren Schnitt« kreierte, schlummern hinter vielen romantischen, lustigen oder auch traurigen Real- wie Animationssequenzen numerische Berechnungen.

Dabei macht man per Rechner nur wenig anderes und kaum etwas Neues gegenüber dem, was frühere Analogtechniken mit Schnittkunst, Teil- oder Mehrfachbelichtungen, Überblendungen, Split-, Bluescreen und anderen Tricks schuf. Es ist nicht einmal sicher, daß so etwas am Rechner billiger oder besser zu schaffen ist. Der Computer ermöglicht einfach eine größere Zahl von Varianten, aus denen man die auswählen kann, die am besten passen. Den Rest kann man einfach löschen.

Rintaros jetzt anlaufender japanischer Zeichentrickfilm Robotic Angel zeigt die Möglichkeiten, die der Rechner in der Herstellung »klassischer« Zeichentrickfilme bietet. Er erweckt bewußt nicht den Eindruck animierter Menschen, wie in der aufgesetzt fotorealistischen Abwelt von Final Fantasy. Rintaro hat in die Darstellung von Hintergründen, Bauten, komplexen Bewegungen, Stimmungen und Actionszenen aufwändigst und sorgfältigst Rechenleistungen gesteckt. Dies kombiniert mit Figuren, wie wir sie aus »Heidi« und »Super Mario« kennen, erzeugt jenen Hauch von Authentizität, der einen bei solchen düsteren Zukunftsvisionen erschauern läßt.

Der Plot ist fast eins zu eins von Fritz Lang übernommen. Ein superreicher Stadtmagnat heuert einen verrückten Wissenschaftler an, ihm die verlorene Tochter künstlich wiederzuerschaffen. Das Roboterkind soll dann die Megamaschine führen, mit ihr zu einem Monster verschmelzen, das alles Lebendige zerstören kann. Doch der Sohn des Stadtführers, Kommandant einer faschistoiden paramilitärischen Organisation von Maschinenstürmern sowie ein Privatdetektiv und dessen Neffe versuchen, das zwar »lebende«, doch noch unprogrammierte Mädchen vor seinem Schicksal zu bewahren. Der eine, indem er es zerstören will, die anderen, indem sie das Kind, das sie für ein menschliches Kind halten, retten wollen.

Man kann lange über die Art der japanischen Menschenanimation streiten. Bambiaugen, Kindchenschema und nicht vorhandene Mimik stören, zerstören oft die Illusion. Dies gilt auch für Robotic Angel, läßt man sich jedoch darauf ein, so bietet die hinter dieser dünnen Oberfläche mögliche Abstraktion die Chance, in das Geschehen einzutauchen, den Text zwischen den Bildern zu lesen. So perfekt die Animation, so spannend der Handlungsverlauf auch sein mag, Robotic Angel geht an keinem Punkt weiter, als es Fritz Lang vor 75 Jahren tat. Auch durch diese Variante wabert die klebrige Ideologie der pränazistischen Versöhnung von Kopf und Hand, die Thea von Harbou propagierte.

Otomo und Rintaro verstehen jedoch unter Versöhnung von Kopf und Hand die Unterordnung des Menschen unter eine durch und durch technisierte Welt, die Aufgabe der selbstbestimmten Individualität in vorprogrammierte, fremdbestimmte Hierarchien. In Verbindung mit den düsteren, surrealen Bildern des Films schafft sich ein tiefer Pessimismus angesichts der gezeigten Entwicklungsmöglichkeit Raum. Robotic Angel erreicht eine neue Stufe in der Entwicklung des Animationsfilms. Der Film löst ein, was die Macher von Final Fantasy vorgaben: eine virtuell-reale Welt abzubilden. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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