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Robert Altman's Last Radio Show

A Prairie Home Companion. USA 2006. R: Robert Altman. B: Garrison Keillor, Ken LaZebnik. K: Edward Lachman. S: Jacob Craycroft. P: GreenStreet Films, River Load Entertainment. D: Marylouise Burke, Woody Harrelson, L.Q. Jones, Tommy Lee Jones, Kevin Kline, Lindsay Lohan, John C. Reilly u.a.
105 Min. Kool ab 12.4.07

Ein Letztling

Von Dietrich Brüggemann Es gibt ja weltweit eine enorm Aufmerksamkeit für Debütfilme, also Erstlingswerke. Das Gegenstück dazu, den letzten Film eines Regisseurs, gibt es zwar auch, doch er steht als Phänomen längst nicht so im Mittelpunkt. Es gibt dafür keine eigenen Redaktionen, keine speziellen Festivals, man hat noch nicht mal ein eigenes Wort dafür. Vielleicht Letztlingsfilm. Oder Bilanzfilm, weil der alte Meister oft noch einmal mit bedächtiger Schnelle vom Himmel durch die Welt zur Hölle wandelt und der Nachwelt ein Resümee seiner Weltsicht hinterläßt. Besser wird ein Film dadurch nicht unbedingt, siehe Eyes Wide Shut, aber er hinterläßt mehr Nachhall als ein ordinäres Debüt oder ein ganz normaler Zwischendurchfilm.

Dabei ist Robert Altman's Last Radio Show für sich allein noch kein Film, auf den alle sich sofort stürzen. Es ist ein unspektakulärer Film über eine Live-Radioshow irgendwo im mittleren Westen, die es tatsächlich gibt. Auf einer Bühne wird gut gelaunt gesungen und musiziert, man macht Country und Western, im Publikum sitzen Leute und hören zu, und das Ganze wird live ausgestrahlt zu all den einsamen Farmhäusern in der endlosen Prärie. Garrison Keillor, der Erfinder und Moderator der Show, hat das Drehbuch geschrieben und spielt sich selbst. Der Film wurde in dem Theater gedreht, in dem die Show auch tatsächlich aufgezeichnet wird. Daß es ein Hollywoodfilm ist, erkennt man vor allem daran, daß die Stars sich die Klinke in die Hand geben.

Aber es ist eben auch der letzte Film von Robert Altman und damit so etwas wie ein Bilanzfilm. Er handelt vom Sterben, das hat Altman selbst gesagt, und die entscheidende Zutat zur Realität ist denn auch, daß im Film das Theater in ein Parkhaus umgebaut werden soll und wir daher dem letzten Abend einer altgedienten Show beiwohnen – wohingegen der echte Prairie Home Companion bis heute munter weiterläuft. Das ist natürlich hochsymbolisch: Mit uns geht die Kultur unter, weil sie von einer gnadenlos voranschreitenden Moderne plattgemacht wird, das ist ja ein grundlegender Verdacht des Alters – wenngleich man meinen sollte, daß Robert Altman über solchen Ressentiments gestanden haben sollte. Dennoch liegt über dem ganzen Film der nostalgische Goldstaub einer grundsätzlich guten alten Zeit, wie man ihn aus Robert Altmans Filmen so eigentlich nicht kannte.

Denn man kann nicht davon abstrahieren: Dieser Film steht als letztes Glied in einem Gesamtwerk, das schon jetzt zu den Klassikern des Kinos zählt. Durch Robert Altmans Werk zieht sich ein Prinzip, das man als Verweigerung bezeichnen könnte – die Verweigerung gängiger Erzählkonventionen nicht nur auf der Ebene des Drehbuchs, sondern auch, kleinteiliger, in der Inszenierung, in der Art der Schauspiel- und Kameraführung. Im Gegenzug bekommt man dafür oft einen gänzlich unverstellten Blick auf Realitäten, die subtiler sind als das, was sich in einer gewöhnlichen Filminszenierung ans Tageslicht traut. Wenn man Pech hat, kann es einem allerdings auch passieren, daß man gar nichts bekommt, daß man nämlich draußen bleibt und einfach keinen Zugang zum Film kriegt. Zwischen diesen Möglichkeiten bewegt sich auch Robert Altman's Last Radio Show – er schwankt zwischen entzückender Beiläufigkeit und nervtötender Belanglosigkeit, wenn die Charaktere eben nicht als Identifikationsfläche herangezogen werden, sondern in einem Geflecht aus überlappenden Dialogen und überkreuzenden Handlungssträngen auftauchen und wieder verschwinden und keinen klaren Eindruck hinterlassen.

Einen starken Eindruck hinterlassen dabei vor allem jene Teile des Films, die auf der Bühne spielen, und der stärkste Auftritt gehört hier Woody Harrelson und John C. Reilly, die ein irrwitziges Lied über schlechte Scherze zum Besten geben. Daneben kommt man viel in den Künstlergarderoben herum und kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Musiker mit ihren Instrumenten verheiratet sind und im Gehen und Stehen immerzu irgendetwas spielen müssen. Dazwischen wandelt eine rätselhafte Frau in Weiß durch die Szenen, man erfährt erst spät, was sie da zu suchen hat, aber ihre Figur bleibt ein Fremdkörper – nicht nur in diesem Film, sondern ebensogut in einem Gesamtwerk, das viel mit Realität und nur wenig mit Fantasie zu tun hatte.

Aber vielleicht sollte man den Film eben nicht als Bilanzfilm überbewerten. Von Robert Altmans Debüt weiß ja auch niemand mehr etwas, denn als er bekannt wurde, da hatte er schon recht viele unbekannte Filme gemacht. Behalten wir ihn lieber in Erinnerung als einen weisen Menschen und klugen Filmemacher, der die Dinge so betrachtete, wie sie vor ihm lagen, ohne sie mit künstlicher Bedeutung aufzublasen. 1970-01-01 01:00

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