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Rize – Uns hält nichts auf!

Rize. USA 2004. R,B: David Chapelle. K: Morgan Susser. S: Fernando Villena. M: Red Ronin, Amy Marie Beauchamp, Jose Cancella. P: HIS, Dark Fibre.
85 Min. RapidEyeMovies ab 20.10.05

Breakdance in Bonbonfarben

Von Dietrich Brüggemann HipHop, Streetdance, Breakdance, R'n'B und was es da sonst noch so alles gibt, von der Bronx bis zu Detlef Soost und seinem stupiden Tanzstudio – kein Mensch kann mehr genau sagen, wo die handgemachte Straßenkultur aufhört und der Kommerz anfängt. Die Entwicklung der populären Kultur im 20. Jahrhundert nahm in all ihren Richtungen immer wieder ihren Ausgang von Ausdrucksformen, die sich im Untergrund der schwarzen Bevölkerung Nordamerikas entwickelt hatten, dann vom weißen Mainstream übernommen und anverwandelt wurden, bis die nächste Welle aus der Subkultur hochkam und aufgekauft wurde.

Doch diese Verwertungskette ist in ihrer Linearität nicht mehr klar erkennbar – der weiße Kulturmainstream hat längst sein Ohr genau dort, wo neue Bewegungen früher unbeobachtet entstanden wären, und tut so, als wäre er Avantgarde, während die Avantgarde gern Mainstream wäre. Untergrund und Massenkultur sind keine Gegensätze mehr, sondern verwechseln sich miteinander. Rize, der Dokumentarfilm des Fotographen und Musikvideomachers David LaChapelle, ist für diese Entwicklung ein gutes Beispiel.

An der Oberfläche handelt er von einem Tanzstil, der sich in South Central L.A. entwickelt hat, also genau in der Gegend, von der die ganze Welt weiß: schlimmes Ghetto. Als Reaktion auf die Unruhen von 1992 beschloß der ehemalige Sträfling – was dort nichts zu bedeuten hat, da in South Central L.A. ja jeder mal im Knast saß, wie wir aus dem Fernsehen wissen sollten – jedenfalls beschloß da ein Mann namens Thomas Johnson, etwas zu tun. Er warf sich in bunte Kostüme, nannte sich »Tommy the Clown«, predigte gegen Gewalt und Straßengangs und entwickelte einen neuen Tanzstil, genannt »Clowning«. Letzterer hat sich seitdem ausdifferenziert und allerhand Nachfolger hervorgebracht, darunter das sogenannte »Krumping«, bei dessen Anblick man unwillkürlich nichts anderes denken kann als: Bandscheibenschaden – oder den »Stripperdance«, der genauso aussieht, wie er heißt, und im Film mit großer Freude bereits von Vierjährigen vorgeführt wird.

Außerdem bildeten sich viele weitere »Clown Groups«, die ihre Ehre dareinsetzen, eben keine »Gangs« zu sein, sich nicht mit Schußwaffen und Drogen danebenzubenehmen, sondern sich gewaltlos miteinander zu messen und dabei irgendwie über sich hinauszuwachsen – daher auch der Filmtitel.

Das alles ist in sich interessant und gelegentlich faszinierend. Der schmucklose DV-Handkamera-Doku-Look wird immer wieder unterbrochen durch hochinszenierte Clips, in denen eingeölte Körper vor pastellfarbenen Sonnenuntergängen tanzen, in denen Wassertropfen von durchtrainierten Körpern abperlen und schöne Menschen wilde Verrenkungen vollziehen, dazwischen ist ethnologisches Archivmaterial von Stammestänzen geschnitten, damit auch der Letzte kapiert, was hier eigentlich los ist, aber das Dokumentarische behält bei allen Eskapaden doch soweit die Oberhand, daß man das Interesse an den Protagonisten nie gänzlich verliert. So weit also alles in Ordnung.

Die Frage ist eher, ob die Katze sich hier in den Schwanz beißt und wieso. Ein erfolgreicher Fotograph, Musikvideo- und Werberegisseur geht in den Untergrund, an die Wurzel einer Subkultur, auf der Suche nach neuen, unverbrauchten Ausdrucksformen. Und was er da im Untergrund findet, ist in seiner Neuheit alles andere als unverbraucht. Bisherige Untergrundkulturen der schwarzen Community waren kodiert und wendeten sich an einen kleinen Kreis von Eingeweihten, hier aber können die Tänzer es gar nicht erwarten, von der industrialisierten Coolness aufgesogen zu werden. Daran ist ja zunächst nichts Schlechtes, es zeigt nur, daß man von Kategorien wie Underground und Mainstream nicht mehr sprechen kann. Es wird zumindest in South Central L.A. keine neuen Entdeckungen mehr geben, die aus dem völligen Off kommen, da das völlige Off längst von Kameras umstellt und von Leuten wie LaChapelle unter Beobachtung gehalten wird.

Möglicherweise entsteht jetzt gerade in irgendeiner Stadt in Südamerika oder Asien, deren Name uns nichts sagt, etwas völlig Neues, das in fünf oder zehn Jahren die Welt auf den Kopf stellen wird. Es kann dort in Ruhe entstehen, da es nicht gleich an die Weltöffentlichkeit gezerrt wird, und wird daher eines Tages den Mainstream unvorbereitet, rücklings und mit Macht überfallen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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