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Rivers and Tides

River and Tides. D 2001. R,B,K,S: Thomas Riedelsheimer. P: Annedore v. Donop, Mediopolis Film- und Fernsehproduktion GmbH.
90 Min. Piffl ab 7.3.02
Von Mark Stöhr Im letzten P.M. gab es wieder mal eine komische Geschichte. Da wurde von einem Berliner Skandinavistik-Studenten erzählt, der von einer Island-Reise einen Stein mitgebracht und diesen auf seinem Balkon im Blumenkasten deponiert hatte. Eines Tages entdeckte er darauf ein winziges Wesen mit langen blonden Haaren, das ihn mit traurigen Augen ansah und zu singen anfing.

Der Student begann daraufhin seinerseits zu singen und sang fortan jeden Tag mit seiner kleinen Blumenelfe. Daß er bei der Gelegenheit fließend Isländisch gelernt haben soll, mag man ihm noch als begrüßenswerte Nebenwirkung zugestehen, auch daß in dem Artikel weder Auskünfte über die Art der konsumierten Pharmazeutika noch den genauen Standort des entsprechenden Dealers gegeben wurden, mag der Redaktion nachgesehen werden.

Doch langsam sieht man schon beinahe selbst Gespenster ob all der Elfen, Trolle, Kobolde, Feen und und des ganzen sonstigen esoterischen Naturmystikgefleuchs, das unser kollektives Bewußtsein zur Zeit hartnäckig unter Beschlag nimmt.

Und jetzt also Rivers and Tides von Thomas Riedelsheimer, ein Film über den britischen Land-Art Künstler Andy Goldsworthy, der von solch fließender Geschmeidigkeit und kristalliner Schönheit ist, daß man plötzlich jeden Stein und jede Welle nach den kleinen Naturgeistern absuchen und auf der Stelle zum Animismus konvertieren möchte. In jedem Fall entdeckt man wieder die Liebe zur amphibischen Klammheit von Gummistiefeln, der erstickenden Schwere von Gortex-Klamotten und dem Gefühl, wenn Kälte und Nässe die Gesichtsoberfläche fast zum Zerspringen bringen.

Goldsworthy ist eine Art Naturbildhauer, seine Materialien findet er unmittelbar vor Ort Zweige, Steinplatten, Kiesel, Blätter, Blumen, Lehm und Eis und verknüpft diese zu bunten Teppichen, ordnet sie in geometrischen Formen oder häuft sie zu Steinkulpturen. Daß seine Arbeiten fragile Arrangements sind, die nach einer bestimmten Zeit wieder in den Zyklus der Natur zurückkehren, ist Teil von Goldsworthys Kunstphilosophie. Am Ende bleibt von seinem Werk nichts übrig außer einer Serie von zwei bis drei Bildern allesamt Unikate mit einer Auflage von eins.

Riedelsheimer begleitet den Künstler auf seinen Streifzügen über Weiden, durch Wälder, Parks und zerklüftete Meeresbuchten in Kanada, Schottland, Frankreich und den USA und dokumentiert minutiös und geduldig den Prozess des Entstehens und Verschwindens: Wie Goldsworthy von einem Kalkstein kleine Bröckchen abspaltet und mit den Zähnen Eiszapfen zurechtbeißt, Schafwolle in schlangenförmigen Bahnen über Zäune legt und Äste zu artifizielle Spinnweben verknüpft, um sie mit dem nächsten Sonnenstrahl oder Windstoß wieder verlorenzugeben.

In einer Szene versucht er Schieferplatten zu einem mannshohen Steinkegel zu schichten mit dem Ziel, ihn mit den Gezeiten im Meer verschwinden zu lassen. Als der Versuch mehrmals mißlingt, sinkt er enttäuscht zusammen und murmelt: Ich habe die Steine noch nicht ganz verstanden, aber mit jedem Mal lerne ich mehr über sie. Beginnt wieder von vorne, und einige Einstellungen später sieht man nur noch die Spitze der Skulptur oberhalb der Fluten.

Die Kamera verdichtet solche Momente zu Artefakten von hoher Komplexität, die frei sind von jeglicher mysteriöser Spiritualität. Denn bei allem faszinierten Staunen und meditativen Verweilen, das über den Bildern Riedelsheimers liegt, folgt der Film wie die Arbeit Goldsworthys selbst dem Pragmatismus der Natur und reproduziert ihre Schönheit als Artwork. Das heimliche Werk von Elfen? Warum nicht? Denn möglicherweise sitzen die Biester neuerdings auch in der Linse. 1970-01-01 01:00

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