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Ritter aus Leidenschaft

A Knight's Tale. USA 2001. R,B: Brian Helgeland. K: Richard Greatrex. S: Kevin Stitt. M: Carter Burwell. P: Escape Artists, Finestkind. D: Heath Ledger, Mark Addy, Rufus Sewell, Shannyn Sossamon, Paul Bettany, Alan Tudyk, Laura Fraser u.a.
132 Min. Columbia ab 6.9.01

Leidenschaftlicher Humor

Von Carsten Tritt Als der Drehbuchautor Helgeland 1999 mit Payback sein Regiedebüt beging, wurde er nach zwei Dritteln des Films auf Betreiben seines Hauptdarstellers gefeuert und ersetzt durch Paul Abascal, einen zurecht unbekannten Fernsehregisseur (Mel Gibson's Unauthorized Video Diary, 1991) und Friseur (Hair Stylist für Lethal Weapon 1 + Lethal Weapon 2, 1992 dann der Karrieresprung bei Lethal Weapon 3: »Key Hair Stylist«). Der Regiewechsel hat zwar dem Film Payback sichtlich geschadet, dem so Geschaßten aber offensichtlich kaum, denn der meldet sich nun in beachtlicher Weise mit Ritter aus Leidenschaft zurück; Regie, Buch, Produzent: Brian Helgeland.

Nun gut, gewisse Kompromisse hat Helgeland schon machen müssen: So hat er kostengünstig in Tschechien gedreht, großartige Spezialeffekte fehlen, und auf Stars aus der ersten Reihe hat er ebenfalls verzichten müssen – allerdings zugunsten eines wunderbar funktionierenden Ensembles.

Den Ritter aus Leidenschaft spielt Heath Ledger – vielleicht bekannt durch seine Rolle bei Emmerich, als Sohn von The Patriot. Hier verkörpert er einen Dachdeckersohn aus London, der an ritterlichen Lanzenkämpfen teilnimmt und sich dafür als »Sir Ulrich von Liechtenstein zu Gelderland« ausgibt.
Was sich nun zunächst als Sportfilm in mittelalterlichem Gewande ausgibt, verbirgt bei näherer Betrachtung doch mehr. So kämpft der Held bei Helgeland nicht, wie es sonst in amerikanischen Sportfilmen, etwa bei Altmeister Ron Shelton, üblich ist, aus dem Motiv des bloßen Sieges oder für die Ehre oder einfach aus Freude am Spiel. Für Ulrich von Liechtenstein geht es um das gesellschaftliche Überleben, darum, herauszukommen aus der Armut des Dachdeckersohnes William Thatchers (wie sein richtiger Rollenname lautet), darum in einen Status selbstbestimmter Existenz zu gelangen, die ihm als Bürgerlichem Verwehrt ist. Das Ganze wirkt in seiner Aufmachung kaum wie ein Historienschinken, vielmehr hat sich Helgeland hier beim englischen Sozialdrama bedient.

Aber auch mit dieser Kategorisierung wird man Helgeland nicht gerecht, dafür ist die Liebesgeschichte, die er zwischen William Thatcher und dem Edelfräulein Jocelyn entstehen läßt, viel zu romantisch, und dafür ist der Humor, der seine Geschichte vorantreibt, viel zu unbeschwert – wenn etwa die Fangesänge aus dem französischen Gasthaus dringen: »Liechtenstein, Liechtenstein, Liechtenstein« auf der Melodie von »Here We Go«…

Helgeland gehört nicht zu den Filmemachern, die sich einbilden, sie könnten dem Zuschauer in zwei Filmstunden eine Botschaft vermitteln, auf die dieser in den bisherigen Jahren seines Lebens noch nicht gekommen ist, aber er ist auch kein Mann der sinnfreien Brachialkomik, die zur Zeit die Kinos überflutet, obwohl nur die wenigsten Regisseure sich auf diese Kunst verstehen. Sein Vorgehen erinnert vielmehr an die besten Arbeiten Ivan Reitmans, dem es auch manchmal gelungen ist, verschiedenste Elemente zu einem wunderbaren Gesamtfilm zusammenzuweben.

Zum Schluß möchte ich noch meine Lieblingsszene aus Ritter aus Leidenschaft erwähnen: Da ringt William Thatcher mit seinem nur rudimentär vorhandenen Sprachschatz, um einen Liebesbrief an seine Jocelyn zu verfassen, und dies will ihm erst gelingen, als ihm seine Freunde und Knappen zu Hilfe kommen. Von ihnen bringt jeder etwas von seiner eigenen verlorenen Liebe in den Brief ein, der eine Überblendung später bei der sichtlich gerührten Jocelyn nicht seine Wirkung verfehlt. Eine schönere Symbiose aus herrlichem Kitsch, ehrlicher Romantik und herzhaftem Humor habe ich aus Hollywood seit Jahren nicht mehr erfahren. 1970-01-01 01:00
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