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Die Reise nach Kandahar

Safar e Ghandehar. IR 2001. R,B,S: Mohsen Makhmalbaf. K: Ebrahim Ghafouri. M: Mohamad Reza Darvishi. P: Makhmalbaf Film House. D: Niloufar Pazira, Hassan Tantaï, Sadou Teymouri, Hayatalah Hakimi u.a.
85 Min. Movienet ab 3.1.02
Von Stefan Vockrodt Im Sprechzimmer, einem kargen Raum in einem ärmlichen Lehmbau, darf der Arzt die Patientin nicht ansehen. Zwischen ihm und der Kranken hängt ein Tuch, in das eine kleine Öffnung geschnitten ist, durch die der Arzt Zunge und Augen oder Hautstücke der Patientin betrachten und betasten kann. Er darf auch nicht direkt mit der Frau sprechen, sondern muß seine Wünsche dem männlichen Begleiter der Frau vortragen, der seine Anweisungen weitergibt. Die Kranke, Nafas, ist Journalistin und hat lange in Kanada gelebt. Sie will nach Kandahar, um ihre dort verbliebene Schwester davon abzubringen, sich während der letzten Sonnenfinsternis vor Anbruch des 21. Jahrhunderts das Leben zu nehmen. Ihr bleiben nur drei Tage, um von der iranisch-afghanischen Grenze nach Kandahar zu gelangen. Und sie braucht immer einen männlichen Begleiter.

Nafas, die mangelnde Ernährung und schlechtes Wasser erkranken ließen spricht Englisch zu dem Arzt, der ihr auf Englisch antwortet. Auch er ist nicht, was er zu sein vorgibt. Tarnt sie sich unter der Burka, dem Ganzkörperumhang, in dem afghanische Frauen sich verstecken müssen, versteckt er sich hinter einem falschen Bart.

Als Mohsen Makhmalbafs jüngster Spielfilm Kandahar im Mai in Cannes Premiere hatte, wurde er kaum wahrgenommen. Niemanden interessierte die Situation von Frauen im Reich der radikal-misogynen Taliban. Wenn der Film jetzt in die Kinos kommt, wird man ihn auch als nachträgliche Rechtfertigung eines völkerrechtswidrigen Krieges mißbrauchen, der auch und gerade gegen die geführt wird, deren Befreiung er zum Ziel zu haben vorgibt: die Frauen Afghanistans.

Kandahar ist ein als Spielfilm getarnter Hilferuf, ein ganz altmodischer Film, dessen Botschaft Form und Inhalt determiniert. »Helft den Frauen Afghanistans!«, simpler läßt sich Makhmalbafs Film nicht zusammenfassen. Doch so simpel ist dieser Film nicht. Die dokumentarische Fiktion, in Form eines klassischen Reisefilms angelegt, folgt der Protagonistin vom Elend der Flüchtlingslager an der Grenze in die wahnwitzige und widersinnige Realität eines Landes, in dem ein auf Frauenhaß, Bildungsverbot und völliger Männerbündischkeit basierender religös fundamentierter Primitivfaschismus versucht hat, Menschlichkeit und Individualität auszulöschen.

Makhmalbaf beschreibt Zustände, die er bei Recherchen in Afghanistan erfahren hat. Er verzichtet auf jede Überspitzung, auf jede unnötige Dramatisierung des Gezeigten. Die dokumentarischen Bilder, die langsame Erzählweise bieten dem Zuschauer die Möglichkeit, einen tiefen Einblick in ein System zu nehmen, daß über 2000 Jahre kultureller Entwicklung handstreichartig auslöschen will. Gerade mit der Distanz, die Nafas in ihrem rund 20-jährigen Exil, ihrer zweiten, westlichen Sozialisation gewonnen hat, nimmt Makhmalbaf dem Film jede Exotik, jede ethnographische Romantisierung. Durch Nafas Augen erlebt der Betrachter ein Land, in dem Frauen sich in Schattenmenschen, in unsichtbare, nicht existente Wesen verwandeln müssen, um überleben zu können.

Mit jedem Schritt, den sich Nafas weiter nach Afghanistan hineinwagt, wird es ihr schwerer, ihre Individualität, ihren scharfen journalistischen Blick zu wahren. Makhmalbaf filmt in langen Einstellungen, verwendet sparsame Dialoge und nutzt die Voice-over Stimme Nafas für spärliche Erläuterungen. Der Film ist zyklisch-chronologisch aufgebaut, ausgehend von der Schlußsituation (erzählt aus dem Off) wird chronologisch der Weg beschrieben, den Nafas betrat. Die Einstellungen und Totalen werden im Verlauf des Filmes immer enger, dominiert anfangs die unendliche Weite und Schönheit der Wüstenlandschaft mit ihren unendlichen Variationen von Gelb- und Brauntönen, werden die Landschaftsausschnitte zum Ende hin immer kleiner, die Kamera konzentriert sich auf die Menschen, ihre Kleider – die trotz aller Uniformität in ihrer Farbigkeit eine bemerkenswerte Vielfalt zeigen – und Gesten unter den Umhängen.

Zeigt der Film anfangs das quirlige, laute Leben in den Lagern an der Grenze, so verstummt er mehr und mehr, je näher Nafas Kandahar kommt. Nafas Reise ist eine Reise in eine Sackgasse, eine Reise ohne Wiederkehr. Die Schlußeinstellung ist die einzige subjektive Kamera des Films: Nafas erblickt durch das Sehgitter ihrer Burka über dem Nichts der Wüste die einsetzende Sonnenfinsternis. Das Kleidungsstück ist ihr Gefängnis, das ihr die freie Aussicht verwehrt.

Erstrahlt die Sonne nach der Finsternis heller als zuvor, ist Nafas Zukunft am Ende des Films düster. Gefangen unter der Burka ist sie Gefangene der Taliban. 1970-01-01 01:00

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