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Die Reise des jungen Che

The Motorcycle Diaries. BRA/USA 2003. R: Walter Salles. B: José Rivera. K: Eric Gautier. S: Daniel Rezende. M: Gustavo Santaolalla. P: South Fork Pictures, FilmFour u.a. D: Gael García Bernal, Rodrigo De la Serna, Ulises Dumont, Mia Maestro u.a.
126 Min. Constantin ab 28.10.04

Making Of einer Ikone

Von Dietrich Brüggemann Schön war die Zeit, als Filmverleiher fremdländische Filmtitel nicht einfach übersetzten, sondern gleich neue erfanden. Anfangs mußten oft noch Bibelsprüche herhalten (Denn sie wissen nicht, was sie tun), dann schwamm man sich frei und schuf Klassiker wie Beim Sterben ist jeder der erste oder Spiel mir das Lied vom Tod. Auch Archetypen wie Der Stadtneurotiker fanden so den Weg in unsere Sprache und sind dort längst zuhause. Irgendwann hörte man auf mit dem Erfinden und dann, in den 90ern, auch mit dem Übersetzen, sondern übernahm den Originaltitel und vereinfachte ihn allenfalls etwas für das Durchschnitts-Englisch der Deutschen – aus Bend it like Beckham wurde Kick it like Beckham.

Aber jetzt kommt ein Film ins deutsche Kino und heißt einfach so Die Reise des jungen Che. Meine Damen und Herren, woran denken wir dabei? Erstmal nicht an Goethe, sondern an Kuba? Na gut, hier, die Geschichte:

Ernesto Guevara, Medizinstudent, 23 Jahre alt, macht sich im Jahre 1952 mit seinem sechs Jahre älteren Freund Alberto Granado auf eine Motorradreise quer durch Südamerika. Mit der strahlenden Glücksgewißheit junger Männer aus dem oberen Mittelstand fahren sie los, kollidieren mit einer Kuhherde, wobei das Motorrad den Geist aufgibt, und reisen daraufhin zu Fuß weiter. Unterwegs träumen sie vom Fortschritt, doch die Armut und das Elend, denen sie unterwegs begegnen, verändern ihre Einstellung zum Leben – Alberto wird zum Realisten, der anpackt, wo anzupacken ist, und Ernesto beginnt ganz andere Träume zu träumen. Irgendwo auf halber Strecke wird zum ersten Mal der Name ausgesprochen, unter dem die Welt ihn bis heute kennt, und das bleibt auch die einzige Andeutung, mit wem wir es hier eigentlich zu tun haben, doch stets haben wir es im Kopf: Das hier ist sozusagen das Making Of einer Ikone des 20. Jahrhunderts.

The Motorcycle Diaries ist ein grandioses Roadmovie über eine Geschichte, die so buchstäblich auf der Straße liegt, daß man sich fragt, wieso das nicht schon längst jemand gemacht hat. Regisseur Walter Salles (Central Station) zeigt uns Che Guevara als ernsten und unverschämt gutaussehenden jungen Mann, der mexikanische Jungstar Gael García Bernal bildet mit dem argentinischen Theaterschauspieler Rodrigo de la Serna ein Gespann, mit dem man am liebsten noch viel länger unterwegs wäre. Nirgendwo schiebt die Politik sich vor die Geschichte, und die Ikone, die wir von Millionen T-Shirts kennen, kommt im Film nicht vor. Der junge Mann, den wir hier kennenlernen, ist jemand, mit dem alle einverstanden sein können, den jeder gern zum Freund, Reisegefährten oder auch zum Schwiegersohn hätte. Gleichzeitig bringt Salles es fertig, Ernestos Gespür für krasse soziale Ungerechtigkeiten nachvollziehbar vor unseren Augen zu wecken, ohne dabei allzu oft ins Dozieren zu geraten. Erst kurz vor Schluß, als die Reise in einer Leprastation am Amazonas zum Stillstand kommt, schleicht sich auch in den Film ein wenig gutgemeinter Leerlauf ein. Doch das Ende, die Musik, die Bilder – der ganze Film ist wunderbar genug, um ihm das zu verzeihen.

Insofern ist der deutsche Titel mit seinem überdeutlichen Goethe-Verweis eine ganz konsequente Sache. So wie der junge Werther, lange bevor er zum Klassiker wurde, ein Rockstar war, der junge Leute in Hysterie, Selbstmord und Verderben riß, so zieht Che hier mit einem wunderschönen Film in den Kanon einer gehobenen bürgerlichen Kultur ein, ob er will oder nicht. Der Revoluzzer, der über Leichen ging, ist nicht weiter von Interesse – er kehrt heim in den Schoß seiner mittelständischen Herkunft, denn die Zeit heilt alle Wunden. Goethe selbst schrieb als reifer Mann den weisen Satz: »Denn eine große Reise zu tun, ist für einen jungen Mann äußerst nützlich«. Che wäre da bestimmt einer Meinung mit ihm. 1970-01-01 01:00

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