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Reine Geschmacksache

D 2007. R,B: Ingo Rasper. B: Tom Streuber. K: Marc Achenbach. S: Patricia Rommel, Sylvain Coutandin. M: Martina Eisenreich. P: noirfilm. D: Edgar Selge, Florian Bartholomäi, Franziska Walser, Roman Knizka u.a.
105 Min. Filmlichter ab 9.8.07

Mode und Verzweiflung

Von Cornelis Hähnel Mit dem Geschmack ist das ja immer so eine Sache: Angeblich läßt sich nicht darüber streiten, dennoch ist man immer davon überzeugt, das eigene ästhetische Empfinden stehe über dem der Anderen. Und wenn man gar im Modebusiness arbeitet, ist man bereit, ihn wie sein Leben zu verteidigen und sich gegenüber jeglichen und möglicherweise berechtigten Einwänden zu verschließen. Dann ist der eigene Geschmack eben der einzig richtige, und davon muß man auch den Rest der Welt überzeugen.

Wolfi (Edgar Selge) ist Handelsvertreter für Damenoberbekleidung und fährt mit leidenschaftlicher Begeisterung durch Deutschlands Provinz, um die neuesten Stücke der Firma Goldberger an die Boutiquen und somit auch an die Dame zu bringen. Sein Sohn Karsten (Florian Bartholomäi) hat gerade sein Abitur gemacht und ist mit Freunden auf dem Weg zum Flughafen, um einige Wochen in Spanien Urlaub zu machen. Doch Wolfi macht dem Sprößling einen Strich durch die Urlaubs-Rechnung: Da ihm vor kurzem der Führerschein abgenommen wurde, verdonnert er Karsten dazu, die nächsten vier Wochen sein eigener Chauffeur zu sein. Daß sich bei dem die Begeisterung in Grenzen hält, ist verständlich. Aber auch die Modehäuser begeistern sich nicht mehr für die von Wolfi vertretene Goldberger Classic Linie, vielmehr interessieren sie sich für die neue flippige Billig-Preis-Kollektion der Firma, die sein Kollege Steven geschickt in hoher Stückzahl verkauft. Und Steven bindet nicht nur Wolfis alte Stammkunden an sich, auch bei Karsten läßt er seinen Charme spielen, der wiederum auch ein Auge auf Papas Widersacher geworfen hat.

Regisseur Ingo Jasper hat bei seiner Ensemble-Auswahl ein glückliches Händchen bewiesen und nicht zu Unrecht bekam Florian Bartholomäi den Max-Ophüls-Preis als Bester Nachwuchsdarsteller. Auch auf technischer Ebene folgt Reine Geschmackssache den klassisch hochwertigen Standards der Kinounterhaltung. Allerdings reicht die gute Verarbeitung nicht aus, um über Mängel des Stoffes hinwegzutäuschen. Denn das schnarchige Drehbuch hat allenfalls die Raffinesse einer Folge von Adelheid und ihre Mörder: Zu sehr plätschert die Geschichte vorhersehbar dahin, und auf jeden potentiellen Lacher wird zugunsten eines leisen Schmunzelns verzichtet. Einzig die unaufgeregte Selbstverständlichkeit, mit der die Homosexualität des Sohnes thematisiert wird, ist eine erfreuliche Besonderheit des Films. Aber das reicht leider nicht aus, um aus einer Stangenware ein besonderes Designerstück zu machen. Seltsamerweise hat der Film den Max-Ophüls-Publikumspreis bekommen. Wahrscheinlich ist das wieder reine Geschmackssache. 1970-01-01 01:00
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