— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die Regeln des Spiels – Rules of Attraction

The Rules of Attraction. USA 2002. R,B: Roger Avary. K: Robert Brinkmann. S: Sharon Rutter. M: Tomandandy. P: Kingsgate Films. D: James van der Beek, Ian Somerhalder, Shannyn Sossamon, Jessica Biel u.a.
110 Min. Concorde ab 1.5.03

Mitten im Satz

Von Sascha Seiler Das Problem mit den Verfilmungen von Bret Easton Ellis' Romanen besteht darin, daß die Filmemacher stets im Glauben gehandelt haben, daß Dinge, die in der Literatur noch einem Mainstream-Publikum zuzumuten sind, im Film nicht mehr funktionieren können. Über zehn Jahre lagen zwischen den Filmversionen von Less than Zero und American Psycho, doch die Unterschiedlichkeit beider Filme verdeutlicht, daß es zwei mögliche Ansätze gibt, Ellis' Werk auf die Leinwand zu projizieren.

Less than Zero war ein Destillat aus dem High School-Drama-Element in Ellis' Büchern, ein sehr zahmer Film, der Andrew McCarthy als moralischen Helden positionierte und Robert Downey jr. als seinen koksenden Freund, der vor dem finalen Fall bewahrt werden mußte. Wenig blieb übrig von Ellis' dionysischen Ritualen, wenig von der Degeneration reicher weißer College Kids, vor allem aber wenig von seinem Lieblingstopos, der unendlichen Leere. Stattdessen wurde ein moralischer Held konstruiert, der einen Anti-Helden bezwingen muß, um dessen Seele endgültig rein zu waschen. Fatal, denn Ellis ist zwar ein Moralist, aber er hat das seit jeher erstaunlich gut versteckt.

In American Psycho versuchte Mary Harron wiederum, das aufgrund seiner Brutalität unverfilmbare Buch zugänglich zu machen, indem sie Ellis' Satire überspitzte. Da hatte jemand das Buch sehr aufmerksam gelesen und im Grunde ein Meisterwerk der Literaturadaption geschaffen. Problematisch dabei war nur, daß, so zynisch das klingen mag, das Buch ohne die Gewaltszenen reichlich langweilig ist. Zumindest aber paßte Christian Bale viel besser in die kalte, gelackte Welt des Bret Easton Ellis als McCarthy mit seinem Hundeblick.

Es stand zu befürchten, daß Roger Avary einen ganz anderen, verheerenden Weg gehen würde: den des Tarantinoschen Popdialogs. Und es war zu erwarten, daß er den Figuren sehr viel Raum zur Verbreitung ihrer dümmlichen Geschichten geben würde und das Ganze somit zu einer Splatter-Komödie ausarten könnte. Die Anlagen dazu sind in Ellis' Werk gegeben, nur ist sein zweiter Roman The Rules of Attraction das nachdenklichste und – man traut es sich bei diesem Autor kaum auszusprechen – gefühlvollste seiner »School College Work«-Trilogie.

Avary löst das Adaptionsproblem auf eine fast geniale Weise: Er experimentiert mit der dem Werk zugrunde liegenden Multiperspektive. Das äußert sich weniger darin, daß der Off-Erzähler stets variiert, sondern durch technische Raffinessen, wie den Verlauf einer Party aus drei verschiedenen Blickwinkeln darzustellen, indem der Film immer wieder zum Ausgangspunkt zurückläuft.

Am interessantesten wird diese Perspektive, wenn die beiden Protagonisten Sean und Lauren erstmals zusammentreffen und man sie im Splitscreen-Verfahren im Dialog sieht, doch scheinen sie nicht zueinander zu sprechen, sondern mit dem Zuschauer bzw. einem Spiegel. Die Distanz, die Avary hier zum Ausdruck bringen will, wird erst aufgelöst, als Lauren Sean die Sonnenbrille abnimmt: »Ich will deine Augen sehen.« Für einen kurzen Moment vereinigen sich beide Bildhälften, doch die Protagonisten müssen auseinandergehen. Ihre Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen, ist stärker als ihre offensichtliche Zuneigung.

Nun ist Sean Bateman, der Bruder des »American Psycho« Patrick Bateman, aber auch Ellis' untypischste Hauptfigur, weil er, anders als ein Victor Ward in »Glamorama« oder eben sein Bruder Patrick, sich bei aller Degeneration noch einen Funken Gefühl bewahrt hat. Die Suche nach seiner eigenen Menschlichkeit »on the road«, die im Roman noch ausführlich geschildert wird, unterschlägt Avary, indem er den Film mitten im Satz abrupt enden läßt, gerade dann, als Bateman erstmals einen klugen Gedanken zu äußern gedenkt. Ihm ist dennoch gelungen, was man nie für möglich gehalten hätte, nämlich einen Stoff von Bret Easton Ellis ohne Qualitätsverlust ins Kino zu transportieren. Fehlt noch »Glamorama«, aber außer David Lynch sollte sich da keiner ranwagen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap