— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Raumpatrouille Orion – Rücksturz ins Kino

D 1966-2003. R: Dr. Michael Braun, Theo Mezger. B: Rolf Honold, W. G. Larsen. K: Kurt Hasse, W. P. Hassenstein. S: Martin Brandl, Anneliese Schönnenbeck, Hannes Nikel. M: Peter Thomas. P: Bavaria Film. D: Dietmar Schönherr, Eva Pflug, Wolfgang Völz, Claus Holm, Elke Heidenreich u.a.
92 Min. Bavaria Film ab 24.7.03

A bad cover version of love is not the real thing

Von Dietrich Brüggemann Die große britische Band Pulp veröffentlichte vor knapp zwei Jahren einen Song mit dem Titel »Bad Cover Version«. Darin wird einer verflossenen Liebe anhand einer Sammlung von kulturhistorischen Vergleichen um die Ohren gehauen, wie miserabel der neue Lover doch im Vergleich zum alten sei.

»It's like a later ›Tom & Jerry‹
when the two of them could talk
Like the Stones since the eighties,
like the last days of Southfork.«


Die alten Folgen der Raumpatrouille mit Dietmar Schönherr und seiner stets motivierten Mannschaft kennt so ziemlich jeder aus dem Fernsehen. Daß sie jetzt, auf Spielfilmlänge zusammengekürzt, als sogenannter »Producer's Cut« wieder ins Kino kommen, hat möglicherweise Gründe, die genau dieser Begriff ganz treffend umschreibt. Wo der altbekannte Director's Cut versucht, den Film ohne kommerzielle Zwänge noch einmal nach seinen eigenen Regeln zur Vollendung zu führen, da liegt der Verdacht nahe, der Producer's Cut könne das Umgekehrte im Sinn haben – nämlich das Original unter Mißachtung seiner eigenen Regeln kommerziell auszuweiden.

Doch um bei den Fakten zu bleiben: Aus sieben einstündigen Serienfolgen wurde ein 90minütiger Kinofilm montiert. Ton und Bild wurden technisch auf den neuesten Stand gebracht. Neu produziert und eingefügt wurden diverse Nachrichtensequenzen, in denen Elke Heidenreich als »Sternenschau«-Ansagerin die unvermeidlich entstehenden Lücken in der Handlung überbrückt, sowie ein Werbespot für »TV Spielfilm«.

»It's not easy to forget me,
it's so hard to disconnect
When it's electronically reprocessed
to give a more life-like effect.«


Enttäuschung angesichts der Erwartungen, die das Original weckte, entsteht bekanntlich bei Sequels fast immer – so zur Zeit wieder bei Matrix und Charlie's Angels. Doch der Raumpatrouille-Film ist ja kein Sequel, sondern ist im Grunde das Original, eigentlich will er sogar besser sein: Eine »liebevolle Reanimation« verspricht der Verleih, »dramaturgisch und technisch bearbeitet«, eine »in sich geschlossene, optisch und akustisch überzeugende Kinoversion«. Was hat dann ab jetzt als die definitive Raumpatrouille zu gelten? Die Serie oder der Film? Blade Runner war der erste Director's Cut, der das Original im kulturellen Gedächtnis ersetzte. Soll hier etwas ähnliches passieren?

Vorrangig geht es erst mal um Geld. In den Archiven lagern allerhand Schätze in Form alter Serien, Musikshows und dergleichen mehr. Produzenten sind immer daran interessiert, dieses Potential in klingende Münze zu verwandeln. Wenn es funktioniert, soll Raumpatrouille der Startschuß für eine ganze Reihe von Kinofilmen aus »kultfähigem« Archivmaterial werden.

Und da liegt der Hase im Pfeffer. »Kult« ist ein scheues Tier, das die Flucht ergreift, sobald man es beim Namen nennt. Denn die kindlich-ironische Begeisterung für schräge alte Sachen fußt ja gerade auf deren unangepaßter Sperrigkeit, die eben nicht den smarten Businessplänen der heutigen Medienwelt entsprungen ist, sondern entweder radikal persönlichen Visionen oder eben der Naivität einer vergangenen Epoche. Wenn man dieses Element mit Absicht reproduzieren will, dann geht das fast immer daneben.

»Such great disappointment
when you got him home –
the original was so good;
the one you no longer own.«


Daß es aber kein neuer Film ist, den wir hier sehen, sondern das alte Material neu zusammengeschnitten, macht die Sache nicht besser. Das Material ist charmant, man bekommt Lust, die Serie zu sehen, und bei weitgehend intakt gebliebenen Sequenzen stellt sich das Gefühl des Originals durchaus ein, doch dann kommt der nächste Schnitt, und das nächste Loch gähnt im Film. Rücksichtslos wurde aus den sieben Serienstunden so etwas wie ein Handlung gebaut. Methode und Ergebnis erinnern am ehesten an die Taten des Dr. Frankenstein, der sich auch aus zusammengeklaubten Einzelteilen etwas bastelte, das formal irgendwie ans Original erinnerte und halbwegs funktionierte.

Frankensteins Werk war ein räumliches Gebilde und daher mit einem Blick als Monster zu erkennen. Film hingegen ereignet sich in der Zeit und nicht im Raum, unterwegs erkennt man da nicht immer, woran man ist, doch am Ende hat man dem Ungeheuer ins Gesicht geblickt. Der Schnitt ist das einzige, was den Film letztlich von anderen Künsten abhebt, und eine solche Schnittfassung ist kein kleinerer Eingriff, als wenn man den Akteuren per Computer rote Pappnasen aufgesetzt hätte.

»And every touch reminds you
of just how sweet it could have been
And every time he kisses you
it leaves behind the bitter taste of saccharine.«


Endgültig entlarvt sich die Sache in den neu produzierten Nachrichtensequenzen. Elke Heidenreich als Moderatorin wirkt, als käme sie direkt aus einer billigen deutschen Comedyserie, obwohl sie da eigentlich gar nicht herkommt, und man war sich nicht zu blöd, sie stets mit einem dummen Spruch (»Alles wird galaktisch gut«) enden zu lassen. Der Werbespot des Sponsors »TV Spielfilm«, ebenfalls im originalgetreu imitierten Raumpatrouille-Stil gemacht, ist nur noch peinlich.

»Like ›Planet of the Apes‹ on TV,
the second side of ›'Til the Band Comes in‹
Like an own-brand box of cornflakes:
he's going to let you down my friend.«


So obsolet diese Einsprengsel auch sind – allein schon die Montage macht aus dem Original eine Imitation. Oder, um es mit Jarvis Cocker zu sagen: Bad Cover Version. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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