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Rad der Zeit

Wheel of Time. D 2002. R,K: Werner Herzog. K: Peter Zeitlinger. S: Joe Bini. P: Werner Herzog Filmproduktion, West Park Pictures.
84 Min. Kinowelt ab 30.10.03

Jeder für Gott und alle ein Ich

Von Achim Wetter Regelmäßige Popularitätsschübe erfährt sie seit Jahrzehnten, die Auseinandersetzung mit dem Buddhismus. Friedlich ist dieser Glaube dann immer, bunt und spirituell und stets begleitet von einem faszinierend altertümlichen, exotischen Mystizismus. Im Grunde wird sie wohl von westlichen Zivilisationsmüden noch immer in den abgeschiedenen Klosteranlagen Tibets vermutet, die Atmosphäre des gänzlich Unverdorbenen und die wahre Quelle des Glücks. Und vielleicht hat sich auch die Grazer Gruppe von Buddhisten das ein wenig anders vorgestellt, als sie Werner Herzog ihre Idee für ein Filmprojekt ans Herz legte. Die buddhistische Gemeinde Österreichs, die es irgendwie geschafft hat, den Dalai Lama höchstpersönlich für eines der zentralsten buddhistischen Initiationsrituale nach Graz zu locken, kommt in Werner Herzogs neuem Dokumentarfilm nämlich nicht wirklich gut weg.

Im indischen Bundesstaat Bihar, genauer gesagt in Bodh-Gaya, just an dem Platz unter dem Bodhi-Baum, an dem Gautama Buddha vor etwa zweieinhalbtausend Jahren zum Erleuchteten wurde, findet der komplizierte Ritus »Kalachakra« in der Regel statt. Zentraler Bestandteil des zwölf Tage dauernden Rituals ist ein filigranes Sandmandala, das während der Zeremonie von den Mönchen in mehrtägiger, aufreibender Kleinstarbeit gefertigt wird. Die Formen und Muster der Sandmalerei symbolisieren die unterschiedlichen Stufen der Erleuchtung, die jeder gläubige Buddhist zu durchlaufen hat, um möglichst ins Zentrum der großen Seligkeit vorzustoßen.

Eine halbe Million Menschen pilgerten 2002 nach Bodh-Gaya, um an diesem Ritual teilzuhaben. Und mitten drin in diesen Massen von Gläubigen in roten Gewändern bewegte sich das dreiköpfige Filmteam um Werner Herzog. Die Bilder, die in diesem unglaublichen Getümmel entstanden, kommen den Menschen ganz zwangsläufig sehr nah, ohne dabei aber je aufdringlich zu werden. Das mag vor allem an Peter Zeitlingers Kameraführung liegen, die sich in ihrer wohltuenden Gelassenheit manchmal so kraß von der klaustrophobischen Enge und dem wilden Gedränge um sie herum absetzt. Und fast gewinnt man den Eindruck, als sei diese konservative, aber höchst niveauvolle Ästhetik nichts anderes als die gebotene Form des Respekts, den die Filmemacher den Menschen hier zollen, ihrer religiösen Hingabe und ihrer Demut. Respekt etwa vor einem Mann, der seine Anreise wie Tausende andere in »Niederwerfungen« zurücklegte – eine Form der Fortbewegung, bei der sich die Gläubigen auf jedem Meter der Strecke flach auf die Erde legen und mit ihrem Kopf den Boden berühren. Bei 4000 Kilometern Wegstrecke ist es kein Wunder, daß dieser sympathische Mann dreieinhalb Jahre unterwegs war, von Millionen Bodenberührungen nur langsam verheilende Wunden auf seiner Stirn hat und Überbeine an seinen Händen.

Pathos und Erlösung, integrale Bestandteile von Werner Herzogs Œuvre, sind an diesem buddhistischen Pilgerort manifest bis ins kleinste Detail. Nach den vielen ergreifenden Bildern, die in Bodh-Gaya und bei einem Abstecher zum heiligen Berg »Kailash« in Tibet eingefangen wurden, wirken die Aufnahmen am dritten Schauplatz in Graz mehr als ernüchternd. Fast emfindet man Mitleid für die inbrünstig meditierenden Mitteleuropäer, die da im Lotussitz auf dem Boden der Stadthalle hocken und auf ihre Wiedergeburt warten. Daß Werner Herzog diesen Wechsel bewußt so entlarvend montierte, ist reine Mutmaßung. Dem Appell des Dalai Lama jedenfalls, den dieser zu wiederholen nie müde wird, ist Rad der Zeit sicher in jeglicher Hinsicht dienlich: Studiert den Buddhismus, macht Euch mit seiner Denkweise vertraut, doch bleibt in der Religion, die Euch kulturell zugehörig ist. 1970-01-01 01:00

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