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Quills – Macht der Besessenheit

USA 2000 R: Philip Kaufman. B: Doug Wright. K: Rogier Stoffers. S: Peter Boyle. P: Industry Entertainment, Walrus & Associates. M: Stephen Warbeck. D: Geoffrey Rush, Kate Winslet, Michael Caine, Joaquin Phoenix u.a.
123 Min. Fox ab 8.3.01

Genie und Wahnsinn

Von Tamar Noort Die Menschheit streitet sich gerne darüber, was erlaubt ist und was nicht; in der Kunst wird diese Frage zu einer Existenzgrundlage und Definitionsfrage überhaupt. Denn was ist denn die Kunst, wenn nicht eine Auslotung von Grenzen, eine Überschreitung des bisher Üblichen, eine Instanz unabhängig von den Institutionen der Gesellschaft. Kunst ist aber auch eine Frage des Geschmacks, und der gute Geschmack ist nicht immer vereinbar mit den Irrungen und Wirrungen jener ausdruckswilligen Künstler, die eben diesen auf den Kopf zu stellen versuchen, um gesellschaftliche Konventionen ins Wanken zu bringen.

Künstlergruppen wie die Wiener Aktivisten sind ganz bewußt gegen den guten Geschmack in den Krieg gezogen; zeigten sie doch kopulierende Körper, mit Ziegenblut verschmiert; Tiergedärme auf weiblich nackter Haut. Pervers, sagten die einen. Eine Befreiung aus heuchlerischen Strukturen der Moralisten, sagten die anderen.

Einen solchen Krieg hat auch der Marquis de Sade geführt; für viele der Schmuddelschreiber schlechthin, war er für andere Freidenker und Erotikgott; seine expliziten Beschreibungen sexueller Praktiken dem einen Dorn im Auge, dem anderen Aphrodisiakum. »Wahre Glückseligkeit existiert nur in den Sinnen, und Tugend befriedigt keine von ihnen«, schrieb der Marquis und schwor somit jenem Reinheitsgebot der Kunst ab, jener tugendhaften Gesellschaft, die ihn wegen seiner obszönen Schriften 27 Jahre seines Lebens wegsperrte.

Daß er ein außergewöhnlicher Mensch war, steht wohl fest; Philip Kaufman zeichnet in seinem Werk allerdings ein Bild vom Marquis de Sade, das weniger den Helden zeigt, der sich mit seiner Kunst über die Konventionen der Gesellschaft hinwegsetzt, sondern er beleuchtet vielmehr die traurige Existenz eines Menschen, dessen einzige Waffe der Federkiel ist, dessen einzige Möglichkeit zur Kommunikation mit seiner Umwelt das Schreiben ist. Wird ihm dieses Ventil entzogen, bröckelt Stück für Stück die Hülle des selbstbewußten Sexmanen und enthüllt letztendlich einen zutiefst wahnsinnigen, sozial inkompetenten, bedürftigen und holprigen Menschen, der keinen Bezug zur Realität finden kann und der abseits jeglicher Menschenwürde krampfhaft Haltung zu bewahren versucht.

Gleichzeitig ist es aber sein Schmuddelstatus, der aus ihm einen Helden macht; das Bild des unverstandenen Künstlers macht ihn populär, und die Verruchtheit seiner Schriften sorgen für reißenden Absatz. Geoffrey Rush schafft es in seiner Interpretation des Marquis diese Ambivalenz sichtbar zu machen; er zeigt den Helden und den Verlorenen gleichermaßen und überzeugt auf der ganzen Linie. Der Film setzt bei den letzten Monaten des Marquis de Sade an. Untergebracht in der Irrenanstalt Charenton, schreibt er sich buchstäblich die Finger wund und publiziert mit Hilfe der Magd Madeleine heimlich sein Buch »Justine«.

Kaufman setzt dabei eher auf Wortgewalt denn auf explizite Bilder und bleibt damit dem Prinzip des Marquis treu: Indirekt die Phantasie seiner Zuschauer zu beflügeln, wie de Sade einst lediglich mit Federkiel und Papier die unterdrückten Sehnsüchte seiner Leser freisetzte.

So bleibt letztenendes die Erkenntnis, daß sich ein jeder selbst für seine Sehnsüchte zu verantworten hat. Ob man de Sade als schmutzigen alten Mann mit wilden Phantasien sieht, oder als Künstler, der seiner Zeit voraus war, Kaufman hat es geschafft, dem Zuschauer zu zeigen, daß die Wirklichkeit und die Kunst immer im Ermessen des Einzelnen liegen. Und das ist wahre Kunst. 1970-01-01 01:00

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