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Die Quereinsteigerinnen

D 2005. R,B: Rainer Knepperges, Christian Mrasek. K: Matthias Rajmann. S: Kawe Vakil. M: Thomas Hermel. P: Rif Film. D: Mario Mentrup, Nina Proll, Claudia Basrawi, Rainer Knepperges u.a.
81 Min. Rif Film ab 17.8.06

Ein bißchen Spaß muß sein

Von Arezou Khoschnam Als Erwachsener hat man's schon schwer. Es wird von uns verlangt, ein rechtschaffenes Mitglied der Gesellschaft zu werden, einem anständigen Beruf nachzugehen, für reichlich Nachwuchs zu sorgen, zwischendurch einen Bausparvertrag, eine Renten- und eine Lebensversicherung abzuschließen, und das alles auf legalem Weg. Daß dies viel schwieriger ist, als es theoretisch scheinen mag, wissen wir alle und stellen dabei immer wieder aufs Neue fest, daß unser Glück bei soviel Verantwortung oftmals auf der Strecke bleibt. Um dem lahmenden Glück nun auf die Sprünge zu helfen, werden Ratgeber wie »Liebe dich selbst«, »Simplify Your Life« oder »Die Glücksformel« in Anspruch genommen, die seit einiger Zeit die Bestsellerlisten des nationalen Büchermarkts überschwemmen.

Die oben genannten Herausforderungen stellen sich den »Quereinsteigerinnen« Barbara und Claudia in Knepperges' und Mraseks gleichnamigem Film erst gar nicht. Ihre Lebensgestaltung steht im krassen Gegensatz zu dieser mehr oder weniger wissenschaftlichen Herangehensweise. Sie versuchen sich einfach mal so als Kidnapperinnen. Da sie auf diesem Berufsfeld blutige Anfängerinnen sind, verläuft die Aktion auch ganz anders, als sie der Zuschauer aus anderen Entführungsfilmen kennt, in denen auf das Verbrechen die Spannung folgt und wo Opfer und Täter ein klares Profil haben. Die hier in amateurhafter Kameraführung bebilderte Handlung gleicht eher einem harmlosen Kinderstreich als einem Verbrechen, in dessen Verlauf die gesellschaftlichen Normen außer Kraft gesetzt sind.

Scheinbar aus einer Laune heraus entführen – bringen wäre hier wohl der passendere Ausdruck – die beiden jungen Frauen den Chef der deutschen Telekom, Harald Winter, zu seiner großen Überraschung zu einem abgelegenen Landhäuschen. Die Komplizinnen nehmen Winter dessen Handy auf die schier banalste Weise ab (»Darf ich mal kurz telefonieren?«), dieser läßt sich freiwillig fesseln, leistet bis auf einen halbherzigen Versuch keinen nennbaren Widerstand und gibt dem Trio – mittlerweile ist Claudias Ex Stefan ohne ersichtlichen Grund hinzu gekommen – sogar Tips beim Aufsetzen ihres Erpresserbriefes. Darin geht es weder um Tierquälerei, Umweltverschmutzung oder Arbeitslosigkeit. Das Motiv ist weitaus origineller. Für Winters Freilassung verlangen sie die Wiedereinführung der gelben Telefonzellen. Schnell wird klar: Hier sucht der Zuschauer vergeblich nach einem tieferen Sinn. Die lockere Einstellung ist das Wesentliche. Davon läßt sich auch das vermeintliche Opfer anstecken und entwickelt mehr als Sympathie für die drei albernen Kidnapper. Dementsprechend bleibt eine Bestrafung als logische Folge dieses Pseudoverbrechens aus. Stattdessen endet dieses kleine Abenteuer mit einem Luftsprung der bezaubernden und immer gern anzusehenden Nina Proll in der Rolle der Barbara.

Was wir hier sehen ist gleichzeitig das, was der Film uns sagen will. Leicht sollen wir das Leben nehmen, öfter mal das Kind in uns zum Vorschein bringen, unseren infantilen Neigungen freien Lauf lassen, ohne lang zu überlegen. Das ist Grund genug, diesen ungewöhnlichen Film, der vielmehr ein Sketch in Spielfilmlänge ist, sympathisch zu finden. Sein Charme entfaltet sich in der absichtlich dilettantischen Machart des gesamten Szenarios. Dennoch wird der Zuschauer von der angestrebten Lebensfreude nicht wirklich angesteckt. Das liegt zum einen an den teilweise sehr steif vorgetragenen Dialogen und der Vermeidung jeglicher Improvisation und zum anderen daran, daß ziemlich schnell Langeweile aufkommt und der Film sich erfolglos auf die Drehbuchidee stützt. Bis auf einiges Schmunzeln und vereinzeltes Auflachen haben Die Quereinsteigerinnen nicht mehr zu bieten. Insofern sei der Film denjenigen angeraten, die eine Alternative zu den literarischen Glücksmodellen suchen und denjenigen abzuraten, die einen guten Film erwarten. 1970-01-01 01:00
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