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Die purpurnen Flüsse

Les rivières pourpres. F 2000. R,B: Mathieu Kassovitz. B: Jean-Christoph Grangé. K: Thierry Arbogast. S: Maryline Monthieux. M: Bruno Coulais P: Gaumont, Legende Enterprises. D: Jean Reno, Vincent Cassel, Nadia Farès, Dominique Sanda, Karim Belkhadra, Jean-Pierre Cassel, Didier Flamand u.a.
102 Min. Tobis ab 19.4.01

Kassovitz’ Farbenlehre

Von Thomas Waitz Von oben, aus der Perspektive des fliegenden Vogels, liegt eine scheinbare Gerechtigkeit über den Dingen. Die Kamera stößt herab aus dem Himmel, und wir blicken hinunter auf eine klar sichtbare Welt, die ebenmäßig daliegt und doch nur ihre Oberfläche preisgibt, eine unerklärliche, unverständliche Schönheit. In einer einzigen, langen Einstellung folgen wir einem Auto, das dahingleitet über eine im Sonnenschein liegende Paßstraße. Das kalte Funkeln der schneebedeckten Hänge, ein tiefblauer, wolkenloser Himmel.

An baumbestandenen Hängen geht es hinauf in die zerklüftete Landschaft der französischen Alpen. Ein eisiger Glanz geht vom Schnee aus, der alles bedeckt und unter sich verschwinden läßt. Aber längst haben die Gletscher begonnen zu schmelzen. Schicht um Schicht legen sie frei, was verborgen schien.

Aus der Ewigkeit grauen Steins gehauen liegt inmitten der unwirtlichen Atmosphäre des kleinen Gebirgsortes die Universität. Wie eine Festung scheint sie, und so, wie es einst der Landvermesser Josef K. tat, begegnet Inspektor Niémans als Fremder denen, die hier leben – zurückgezogen in eine Welt aus elitärem Denken und unseligem Tun. Doch wie sich der Horizont entfernt, je mehr man sich nähert, so rückt auch die Lösung des Rätsels, die Niémans aus Paris herführte, in weitere Ferne, je näher er ihr zu kommen meint.

Einmal, da sehen wir ihn, während er ein Foto betrachtet. Ein grausam entstelltes Unfallopfer ist darauf zu sehen. Doch wir ahnen es nur, denn die Kamera ist in starker Untersicht positioniert. Allein Umrisse, gedachte Formen schimmern durch die Rücken des hellen Papierabzugs durch, ohne daß wir tatsächlich erblicken, wovor uns graut. Es ist eine lange Einstellung. Der Gegenschuß bleibt aus.

Zweifellos will Die purpurnen Flüsse ein Genrefilm sein. Nur: Er funktioniert nicht als solcher. Jede Szene, jede Einstellung, jedes Bild begehrt eine Größe, die deutlich macht: Es geht um etwas ganz anderes als um ein schlichtes Whodunit oder um eine wie auch immer geartete, auf Gesetzen von Logik und Stringenz basierende Auflösung nach konventionalisierter Thriller-Dramaturgie (das Problem des Films liegt gerade darin, daß er es dennoch versucht).

Die purpurnen Flüsse ist ein Film, der auf intellektuell bestechende Weise zeigt, was Kino in seinem Kern tatsächlich bedeutet, indem er eine in sich geschlossene Bildwelt hervorbringt, ja, in jeder Beziehung einen eigenen Kosmos zu erschaffen trachtet. Und es ist kein Zufall, daß genau dies auf der inhaltlichen Ebene Thema des Films ist. Thierry Arbogast, Besson-Kameramann, hat dafür eine Bildsprache gefunden, die ganz auf Überwältigung setzt. Mit äußerst präzise gestalteten Fahrten oder einer Vorliebe für den eleganten Einsatz der Steadicam gelingt ihm eine artifizielle, hochgemute, jedoch nie selbstzweckhafte Fotographie. Der Schnitt tut ein übriges, indem er, wie etwa in der Anfangssequenz, spannungsreich Einstellungsgrößen kontrastiert und geschickt Tonebenen mischt und miteinander verwebt.

Mathieu Kassovitz hat mit Die purpurnen Flüsse einen Film gemacht, der eine Synthese schaffen will aus Actionkino und Autorenfilm. Einen, der zahlreiche spekulative Thrillerelemente und überflüssige Actionsequenzen enthält und dessen Plot eine ziemliche Räuberpistole ist. Er hat aber auch einen Film gemacht, der glänzt wie ein Juwel: kalt und schön. 1970-01-01 01:00

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