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Die purpurnen Flüsse 2 – Die Engel der Apokalypse

Les rivières pourpres 2 – Les anges de l'apocalypse. F 2004. R: Olivier Dahan. B: Luc Besson. K: Alex Lamarque. S: Richard Marizy, Sophie Delecourt. M: Colin Towns. P: Alain Goldman. D: Jean Reno, Benoît Magimel, Christopher Lee, Camille Natta u.a.
100 Minuten. Tobis ab 8.4.04

Spaß aus Euroland

Von Christoph Pasour Ob die Rechnung auch diesmal aufgeht? Die Purpurnen Flüsse war 2001 sensationell erfolgreich, und der Erfolg legt die Meßlatte hoch. Produzent Alain Goldman, seit Ridley Scotts Columbus Epos 1492 Spezialist für die großen Budgets, zeigt sich auch für die Fortsetzung verantwortlich, ebenso wie ein wahrer Heros des französischen Kinos – Luc Besson. Einst ein Virtuose hybrider Werke zwischen Mainstream und Autorenkino, darf man mittlerweile folgendermaßen verkürzen: Beim Nachbarn wird's laut – Besson ist da. Für Die purpurnen Flüsse 2 schrieb er das Drehbuch, und laut ist es die ganzen 100 überflüssigen Filmminuten lang.

Um Sinnfragen zuvorzukommen, heftet man dem Film vielfach das Label »Euro-Trash« an. Soll heißen: Durchatmen und endlich Spaß aus Euroland. Zudem suggeriert dieses Label praktischerweise, das Ganze sei ein Gewitter europäischer Filmzitate, mit dem man das Reflexive und Ironische als Sinnersatz durch die Hintertür nach Bedarf hereinläßt. Und das eine oder andere Zitat kann man in der Tat aufspüren.

Aber im Kontext französischer Anstrengungen, im Entertainment Mainstream richtig und mit Lokalkolorit mitzumischen, zielt der Film mit seinem aufwendigen Genrepotpüree aus Action-, Mystery- und Psychothriller viel mehr auf amerikanische Vorbilder. Der beste Schüler sozusagen, der von allen alle Tricks gleichzeitig hervorzaubert. Und das ist ja manchmal das Unansehnliche bei Schülern: Viel ehrgeiziges Gefuchtel. Die Profis arbeiten geschmeidiger, flexibler und exakter.

Kommissar Niemans ist seit seinem Ausflug in das von Ritualmorden geplagte Gebirgsstädtchen Guernon in Die purpurnen Flüsse zum Spezialisten für besondere Fälle geworden. Diesmal geht's ins Lothringische. Die Mitglieder einer Jesus-Sekte, die in Name und Beruf den zwölf Aposteln entsprechen, werden nacheinander von einer Gruppe unbesiegbarer Super-Mönche recht originell ins Jenseits befördert. Ritualmorde – so was ruft Niemans auf den Plan, der mit seinem jungen Kollegen Inspektor Reda das Leben der verbleibenden Sektenmitglieder zu schützen versucht. Dieses Fleckchen Frankreich ist ein finsteres Land verfallener Fabriken, efeuumrankter Klöster und runtergekommener Kleinstädte, stets von Nebelschwaden durchzogen und von dunkel dräuendem Himmel bedeckt.

Kein Wunder: Deutschland ist nah. Denn das Böse hat ein Gesicht und einen Namen: Heinrich von Garten, Minister für kulturelle und religiöse Angelegenheiten aus Berlin. Er hat seine amphetamin-gespritzten Super-Mönche auf die Sektenmitglieder angesetzt und bremst in seinem schwarzen Mercedes vor den Toren des Hades: einem Zugang zu den Gängen der Maginot-Linie, die, vor dem Zweiten Weltkrieg als Bollwerk gegen Deutschland errichtet, auf hunderten von Kilometern das Land durchzieht.

Hier nistet er sich ein, auf die Suche nach dem Schatz Lothars II, der ein von Gott höchst selbst verfaßtes Buch enthält – der Schlüssel zur Revolution am Tage der Apokalypse, die mit dem Todesengel aus Berlin kurz bevorsteht. Denn der Minister hat eines im Sinn: Mit seinem Trupp, den »Engeln der Apokalypse« ein neues Europa bauen, »ein weißes und gläubiges Europa«. So einem muß das Handwerk gelegt werden, und unter Weltrettung tut's auch ein Niemans nicht mehr. Das klingt bizarr und überdreht, und vor allem fehlt das notwendige Maß an Selbstironie.

Die purpurnen Flüsse 2 spekuliert auf den Charme der B-Movies, aber wagt sich nicht wirklich in diese Freizone. Jean Reno und Benoît Magimel turnen in einer aufwendigen, hochgezüchteten Leistungsschau von Kulisse, Schnitt und Bild, die Virtuosität vorgibt und doch nur dumpfe Kraftmeierei ist. In dieser Arena allerdings hängt Bruckheimers Rennstall so einen Film lässig ab, Hannibal Lector spielt ohnehin zwei Ligen höher, und David Fincher würde sicher kostenlos Trainingsstunden geben. 1970-01-01 01:00
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