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Private

USA 2004. R,B: Saverio Costanzo. K: Luigi Martinucci. S: Francesca Calvelli. P: Istituto Luce, Offiside. D: Mohammad Bakri, Lior Miller, Tomer Russo u.a.
94 Min. Ventura ab 18.5.06

Im privaten Rahmen

Von Ekaterina Vassilieva-Ostrovskaja Der Nah-Ost-Konflikt hat schon längst seinen lokalen Charakter verloren. Die Kämpfe werden nicht nur zwischen Israel und Palästina ausgetragen, sondern auch auf den ideologischen Fronten überall auf dem Globus, wobei die Position gegenüber dem jüdischen Staat als Indikator eines bestimmten politischen Weltbildes fungiert. Als Filmemacher, der sich diesem Thema widmet, kann man versuchen, über die vorgefertigten Meinungen und gängigen Klischees hinwegzusehen, um schließlich auf eine neue Reflexionsebene zu gelangen. Oder man orientiert sich an bereits vorhandenen ideologischen Mustern und liefert ein Produkt, das bloß eine illustrative Funktion besitzt. Leider hat Saverio Costanzo, der Regisseur von Private, sich für das letztere Modell entschieden. Er distanziert sich zwar ganz bewußt von der »großen Politik« und zeigt ausschließlich die »kleinen Leute«, die meist mit der beweglichen Handkamera gefilmt werden. Die grobkörnigen Bilder, die einen dokumentarischen Eindruck erwecken sollen, können jedoch die Tendenziösität der Inszenierung nicht kaschieren. Die Parteinahme für eine Seite (die palästinensische) ist so offensichtlich, daß die Naivität einiger Handlungswendungen vorprogrammiert ist.

Wie der Regisseur selbst in einem Interview angibt, ist der Film vor allem für das europäische Publikum konzipiert. Dadurch kann man wohl auch die Wahl des Protagonisten erklären, die ganz deutlich auf die Sympathien des westlichen Zuschauers abzielt: Mohammed ist ein gläubiger Moslem und Vater einer vielköpfigen Familie, in seinem Erscheinungsbild aber ganz und gar westlich. Sogar sein Beruf verrät eine Affinität zu europäischen Kulturgütern: Er unterrichtet Englisch und pflegt einen selbstverständlichen Umgang mit Shakespeare-Bändern. In seiner Familie ist er ein »sanfter Herrscher«, der die patriarchale Ordnung zu wahren weiß, nie aber zum banalen Tyrann mutiert. So ein »aufgeklärter Konservatismus« schreit buchstäblich nach Anerkennung in Europa, das gerade auch seine neo-konservative Seite entdeckt.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Mohammeds Entscheidung, sein Eigentumshaus, das im Frontgebiet steht und nun von den israelischen Soldaten als Stützpunkt besetzt werden soll, nicht aufzugeben. Es geht dabei vor allem um das Prinzip: Als Flüchtling, so Mohammeds feste Überzeugung, verliere man die eigene Identität. »Das werden uns unsere Kinder nie verzeihen« – mit dieser »Bodenrecht«-Rhetorik, die nie über das Plakative hinausgeht, versucht er, seine Familie vor dem Ausziehen abzuhalten. Wer hier ein Aufeinanderprallen unterschiedlicher Standpunkte und Lebensphilosophien erwartet, wird enttäuscht: Im Grunde hat die ganze Familie das höchste Verständnis für die Position des Vaters und braucht nur ein wenig leitende Unterstützung, um die letzten Zweifel abzuwerfen. Mohammed bleibt auch weiterhin die einzige Stimme, die im Film tonangebend ist. Die israelischen Soldaten, die das Haus einnehmen, »argumentieren« ja vorwiegend mit Waffen und Befehlen. Und wenn es schließlich zu einem »menschlichen« Gespräch mit dem Familienvater kommt, weicht der Offizier verschämt seinen direkten Fragen aus, womit er die moralische Überlegenheit des Hausherren bestätigt. Mohammed gewinnt also den ideologischen Kampf ohne jegliche Konkurrenz, was dem Film völlig die psychologische Spannung nimmt.

Besonders fragwürdig erscheint in Private die Travestie der berühmten Motive aus den Holocaust-Filmen, wobei die Juden diesmal nicht auf der Opfer-, sondern auf der Täterseite agieren. So fühlt man sich im ästhetischen Aufbau der Szene der nächtlichen Hausdurchsuchung an die Liquidation des Warschauer Ghettos aus Schindlers Liste erinnert. Und die »lustigen Geschichten« über die israelischen Soldaten, die die älteste Tochter für ihren kleinen Bruder erfindet, damit er sich nicht so ängstigt, verweisen auf Das Leben ist schön, in dem der jüdische Vater den KZ-Alltag für seinen Sohn in ein Abenteuer umdeutet, um ihm das Überleben zu ermöglichen. Dieses Spiel mit Zitaten mag zwar einfallsreich sein, trägt aber schließlich zur plakativen Eindeutigkeit der Aussage bei. Der Sprung von der politischen zur künstlerischen Stellungsnahme wird von dem Film jedenfalls nicht bewältigt. 1970-01-01 01:00
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