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Prinzessin Mononoke

Mononoke Hime. J 1997. R,B,S: Hayao Miyazaki. K: Atsushi Okui. S: Takeshi Seyama. M: Joe Hisaishi. P: Takuma Shoten, Dentsu, Studio Ghibli.
133 Min. Buena Vista ab 19.4.01

Ökologische Landwirtschaft

Von Carsten Tritt Dem japanischen Zeichentrick ist wohl jeder schon einmal begegnet – wenn auch nur als Kindheitserlebnis mit Heidi und Biene Maja. Wobei zumindest die erste Staffel der Biene Maja durchaus Beachtliches bot: Man bedenke nur die Armkoordination des Sechsfüßers Flip. Heidi ist mir freilich als weniger berühmt in Erinnerung geblieben, und daß ich diese Serie hier erwähne, hat allein damit zu tun, daß dies meine erste, wenn auch nicht bewußte Begegnung mit Hayao Miyazaki gewesen sein dürfte, der damals als Regisseur bei dem Alpenmelodram tätig war.

Der Anime hat es abseits des Kinderprogramms immer noch schwer in Europa und ist bisher nur wenigen Videothekskunden und noch weniger Kinobesuchern zugänglich gemacht worden. Da erscheint es fast als kulturhistorisches Ereignis, wenn nun endlich Prinzessin Mononoke von eben jenem Miyazaki ein bundesweiter Kinostart vergönnt ist, drei Jahre nach seiner deutschen Uraufführung auf der Berlinale.

Prinzessin Mononoke hat allerdings mit animetypischen Endzeitphantasien wie Akira und Fist of the North Star recht wenig zu tun. Nicht nur ist die Gewaltdarstellung (für japanische Verhältnisse) zurückhaltend – die Handlung spielt sogar zu einer Zeit, als die Welt theoretisch noch zu retten gewesen wäre, etwa im 14. Jahrhundert. Damals waren auch große Teile Europas noch von dunklen, gefährlichen Urwäldern bedeckt, mit dem Roden hatten unsere Vorfahren aber schon begonnen. In Japan war es offensichtlich ähnlich: Der Wald wurde damals noch von den Waldgöttern – riesige Keiler, Wölfinnen und vor allem: ein Hirsch – beherrscht. Deren Macht ist bedroht, etwa von der ökonomisch orientierten Eboshi Gozen, die den Wald vernichtet, um ihre Eisenhütte zu betreiben, und deren moderne Schußwaffen auch für die Götter tödlich sein können.

Miyazaki hat ein globales Thema gefunden, ohne aber den Fehler zu machen, seinen Film auf eine simple Ökobotschaft zu reduzieren. Er macht aus seinen Sympathien kein Geheimnis, hat andererseits genug Respekt vor seinem Publikum, um ihm nicht seine Meinung zu oktroyieren. Auf klare Gut/Böse-Einteilung verzichtend, widmet er sich auch den Vorteilen des Fortschritts: Emanzipation und Sicherheit. Dazu, daß dieses Konzept trotz komplexer Geschichte aufgeht, trägt die Wahl der Hauptfigur ein gutes Stück bei. Wir übernehmen den Point of View des jungen, todgeweihten Kriegers Ashitaka, der ohne Zorn beobachten will. Beim reinen Beobachten bleibt es nicht, und Ashitaka verliebt sich in die bei den Wölfen aufgewachsene San, quasi die Robin Wood-Aktivistin. Dennoch, der Held hält seinen objektiven Standpunkt für den Zuschauer nachvollziehbar bei.

Leistung eines Animes kann es aber nicht nur sein, ein intelligentes Drehbuch zu bieten. Dazu gehört noch die entsprechende Optik, und die ist bei Miyazaki schlicht brillant. Insbesondere die wunderbar gezeichneten Landschaften, die mit ihrem Farbzusammenspiel weniger an übliche Mangas denn an alte Nihongas erinnern; von Heidi-Kitsch ist hier nichts mehr zu spüren. Bei vielen Bildern hat der Meister noch selbst Hand angelegt, und wenn dann trotz der technischen Perfektion ein leichtes Ruckeln erkennbar bleibt, wirkt dies wie der gerade noch erahnbare Pinselstrich eines Malers, der mir jedenfalls lieber ist als eine kühle Computeranimation – ein vermeintlicher Luxus, den Miyazaki dankenswerterweise gemieden hat.

Wie der Kampf um den Wald – unabhängig vom Ausgang des Films selbst – schließlich geendet hat, kann sich jeder mangels gegenwärtiger Präsenz von Waldgöttern denken. Wie der Kampf zwischen traditionellen Zeichentrickkünstlern wie Miyazaki und modernen Computergraphikern enden wird, ist nicht minder leicht vorherzusagen, und so sollte man Meisterwerke wie Prinzessin Mononoke genießen, solange es noch geht. 1970-01-01 01:00

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