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Der Prinz und ich

The Prince and the Freshman. USA 2004. R: Martha Coolidge. B: Katherine Fugate, Jack Amiel, Michael Beglar. K: Alex Nepomniaschy. S: Steven Cohen. M: Jennie Muskett. P: Sobini Films. D: Julia Stiles, Luke Mably, Ben Miller, James Fox u.a.
105 Min. Universum ab 20.5.04

Porentief rein

Von Christoph Pasour Erschütternd, aber wahr: Der Fortschritt macht vor der Monarchie nicht halt, denn… »Die Macht der dummen Kiste reicht bis zur Krone«. Gemeint ist natürlich der Fernseher und empört hat sich hier ein gewisser Fernando Gracia, seines Zeichens Buchautor über das spanische Königshaus. Sein Kronprinz Felipe vermählte sich nämlich am 14. Mai, also gerade rechtzeitig vor Filmstart von Der Prinz und ich, mit der bürgerlichen Letizia Ortiz, die als Nachrichtensprecherin des spanischen Staatssenders TVE Felipes Herz erobert hatte. »Eine Prinzessin aus dem Fernsehstudio« heißt es jetzt despektierlich.

Dabei tut frisches Blut königlichen Adern gut. Jede Monarchie, die was auf sich hält, ist ja bekanntlich ein bißchen degeneriert und hat Nachwuchsprobleme.
Kein Wunder also, daß der junge Prinz Edvard von Dänemark (Luke Mably) hinter dem Korsett der Etikette von ungezügeltem Triebüberschuß gepeinigt wird. Soll denn seine Jugend in ewiggleichen Kabinettsitzungen einstauben? Der Schnösel jagt seinen BMW über die Landstraßen des Königreiches und derart Testosteron-gesättigt erwacht seine Liebe fürs Authentische: »Wild Wisconsin girls take off their tops« kräht ihm der Fernseher im Spätprogramm entgegen, womit auch in der Fiktion die geschmähte Kiste zum Katalysator monarchischer Evolution wird. Edvards Prinzessinnen aus dem Fernsehstudio müssen schlicht amerikanischem »Think Big!« genügen. Der Thronfolger will für einige Zeit teilhaben an plebejischer Sinnesfreude, und zwar an einer Universität – natürlich in Wisconsin.

Weil der Film aber kein frivoles Lustspiel, sondern eine lupenreine Traumhochzeit werden soll, für die Sissi mit ihrem Ferdinand irgendwann auf stolzem Roß gen Schloß galoppiert, wird alles sehr schnell porentief entkeimt, nach dem Motto: die Umwege zweier junger Menschen auf der Suche nach der wahren Liebe. Aber Lieben will gelernt sein! Denn während Edvard in seiner Kommilitonin Paige (Julia Stiles) das wilde Cowgirl sucht, ist ihr dieser Spinner mit eigenem Diener, Soren (Ben Miller), total suspekt.

Doch wie charmant die arbeitsame, aufrichtige Paige beim Putzen der Uni-Cafeteria den Wischmopp führt! Edvard beobachtet sie hingerissen, und das zarte Pflänzchen Liebe erwacht. Die zukünftige Prinzessin von Dänemark hat auf dem elterlichen Bauernhof Kühe melken gelernt, aber hat keinen Schimmer, wie das mit der Metapher bei der Poesie funktioniert. Dank der Liebe wird sie jedoch bald ein Shakespeare-Sonett brillant interpretieren, und Edvard kommt endlich mit dem Euter klar. Transatlantische Verständigung zwischen Rasenmäherrennen und Kierkegaard. Hand und Hirn in Harmonie. Außergewöhnlich, wie locker Coolidges hemdsärmelige Inszenierung gut 40 Jahre Entwicklung von Jugend- und Populärkultur übergeht.

Mit dem Auftauchen der besenreinen Julia Stiles ordnet Coolidge den Film komplett der Prinzessinen-Nostalgie unter. Vielleicht ist es sinnlos, die Frage nach der Zielgruppe für solch plüschige Fantasien zu stellen. Ermüdend ist es, immer wieder auf den neokonservativen kulturellen Backlash Amerikas zu verweisen, der soziale Handlungsanweisungen formuliert. Man gehe also stattdessen gütig davon aus, die Regisseurin habe sich ihren sehr persönlichen Traum erfüllt und die eigenen jugendlichen Wünsche der 50er oder frühen 60er Jahre endlich mal zur Leinwand gebracht. Dennoch: Wer braucht sowas, wenn Sissi-Romantik heutzutage schon den achtjährigen Mädchen ein Gähnen ins Gesicht zaubert? 1970-01-01 01:00
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