Wir sind Helden
Von Arezou Khoschnam
Die Zeichen stehen schlecht für Wolfgang Petersen: Sein neuer Blockbuster
Poseidon ist an den US-Kinokassen bereits gefloppt, ebenso wie seine mißglückten Vorgänger
Troja und
Der Sturm. Die guten Zeiten, da er mit
Das Boot seinen internationalen Status begründete und mit
In the Line of Fire verdientermaßen bestätigte, gehören offensichtlich der Vergangenheit an. Eine Tatsache, die durch
Poseidon mehr als deutlich wird.
Dabei hatte Petersen sogar eine Idee. Wie er in einem Interview sagte, hat er zeigen wollen, wie sich Menschen in Extremsituationen verhalten, wie allmählich die Masken fallen und die wahren Gesichter zum Vorschein kommen. Und genau da liegt der Haken. Bei den hier gefilmten Personen handelt es sich nicht wirklich um Figuren, geschweige denn um Charaktere. Es sind vielmehr Statisten mit Namen, die man sowieso nicht behält und Texten, die überflüssig sind. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe bereitwilliger Helden, die sich gegenseitig dadurch ausbooten, daß jeder für sich ganz oben auf dem Siegertreppchen stehen will. Für einen Nachruf als Märtyrer würden sie ihr Leben allzu gerne opfern. Allen voran Kurt Russell in der Rolle eines abgetretenen Bürgermeisters, der seine politische Karriere seiner Tapferkeit als Feuerwehrmann verdankt. Dort, wo alle – ob arm oder reich, homo oder hetero, Single oder liiert, Einheimischer oder Immigrant – zu den Guten gehören und sich lieb haben, werden auch solche Tugenden wie Mut belohnt. Politpropaganda at its best.
Statt sich für das Schicksal der Schiffspassagiere zu interessieren, liegt Petersens Augenmerk auf der technischen Umsetzung seines Projekts. Während er – geübt darin, (Natur-) Katastrophen, vor allem solche nassen Ausmaßes, aufwendig in Szene zu setzen – bestrebt ist, die Schiffsräume auf dem Kopf stehend detailgetreu nachbauen zu lassen und die am Computer digital bearbeiteten Wasserszenen nahtlos in den Film einzufügen, ist der Zuschauer längst aufgestanden und hat den Kinosaal verlassen. Selbst die Actionliebhaber, die auf einen spannungsgeladenen, solide inszenierten Spielfilm made in America spekulieren, werden angesichts dieses langweiligen Geplantsches ein Hohelied auf Camerons
Titanic anstimmen. Das enttäuschte Massenpublikum könnte in Zukunft einen neuen Weg einschlagen und sein Geld bestenfalls für No-Name-Produktionen ausgeben.
Während das Original
Die Höllenfahrt der Poseidon noch originell war, weil wegbereitend für das Genre des Katastrophenfilms, ist Petersens Remake eine ideenlose Aneinanderreihung von Déjà-vus. Die einzige Überraschung bietet der mit drittem Gebiß und schneeweißem Bart sichtlich in die Jahre gekommene Richard Dreyfuss als schwuler Millionär mit Liebeskummer, dessen Auftritt schwer verdaulich ist.
Aus diesem Märtyrer-Rennen geht Marionettenspieler Petersen trotz der ambitionierten Bemühungen seiner Darsteller als klarer Sieger hervor. Angesichts eines vorhersehbaren Happy Ends fällt es leicht, sich in Gefahr zu begeben. Petersen hingegen beweist mit diesem Film ungeheuren Mut. Er riskiert, seine Fangemeinde auf immer und ewig zu vergraulen. Es stellt sich bloß noch die Frage: wofür eigentlich? Im Fall von
Poseidon steigt die Spannung erst nach Ende des Abspanns: Wie wird sich Herr Petersen in dieser Extremsituation namens »Dauerflop« verhalten?