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Pornostar

Poruno Suta. J 1998. R,B: Toshiaki Toyoda. K: Norimichi Kasamatsu. S: Toshihide Hukano. M: Hiroshi Yamagata. D: Koji Chihara, Onimaru, Rin Ozawan u.a.
98 Min. REM ab 17.2.00

Swallowtail Butterfly

Sewarotoiru. J 1996. R,B,S: Shunji Iwai. K: Noboru Shinoda. M: Takeshi Kobayashi. D: Hiroshi Mikumi, Chara, Ayumi Ito, Yosuke Eguchi u.a.
146 Min. REM ab 20.1.00

Meta-Yakuza

Von Andreas Ungerböck Toshiaki Toyodas Pornostar (ein dummer Titel für einen sehr guten Film) ist ein weiteres Exemplar jenes Genres, das seit etwa Mitte der 90er Jahre en vogue ist: eine Art Meta-Yakuza-Film: Die Protagonisten (und ihre Darsteller) sind geprägt vom »klassischen« Yakuza-Bild und agieren so, wie sie es etwa aus den Filmen Seijun Suzukis kennen. In Wahrheit wissen sie genauso gut wie die Zuschauer, daß dieses Bild nicht mehr aufrecht zu erhalten ist; die Zeiten haben sich geändert, der sogenannte Ehrenkodex, der die (Film-)Yakuza der 60er Jahre antrieb, ist Geschichte - falls es ihn denn je gegeben hat.

Der 30jährige Regisseur macht in seinem Regiedebüt keinen Hehl daraus, wohin sich die Gesellschaft (und Gangster sind seit jeher das exakte Spiegelbild der Gesellschaft) entwickelt hat: Seine Yakuza sind getrieben von Angst, Irritation und der nackten Gier nach dem schnellen Geld. Kamijo und seine Gang leben mehr schlecht als recht von einer Bar und teilen ihr Einkommen mit dem lokalen Boß. Als ein schweigsamer Killer namens Arano auftaucht, ist es mit der Beschaulichkeit vorbei. Arano tötet, ohne mit der Wimper zu zucken, und seine Begründung ist simpel: »not needed«, will heißen, das Opfer ist jemand, der »zuviel« auf dieser Welt ist.

Arano räumt mächtig auf, er ist eine Art seltsamer Nostalgiker, ein Purist des Tötens, der mit den krummen Machenschaften der heutigen Yakuza nichts zu tun hat. Trotz der reichen Ernte, die er hält, wird er zur tragischen Figur, immer hart am Rand zum Lächerlichen, ein Charakterzug, wie ihn etwa Paul Schrader (Autor auch von Sydney Pollacks Yakuza) und Martin Scorsese so schön an der Figur des Travis Bickle in Taxi Driver herausgearbeitet haben. »Was uns antreibt, ist nicht Speed oder so etwas. Die neue Welt drückt sich in Schmerz aus. Wir sind auf dem Weg ins Wasteland«, heißt es im Schlußsong.

Dieser Song ist quasi so etwas wie die Kurzinhaltsangabe von Swallowtail Butterfly (auch als Yentown bekannt), dem Magnum Opus von Shunji Iwai, der zuvor mit dem Melodram Love Letter in Asien einen Megaerfolg gelandet hatte.

In Swallowtail befinden wir uns mitten im Wasteland, in einem multikulturellen Ghetto außerhalb Tokyos namens Yentown (der Name ist Programm): Dort jagen chinesische, japanische und internationale Desperados der schnellen Kohle nach, von der bürgerlichen Gesellschaft verachtet, aber in Wirklichkeit - siehe oben - deren exakte Kopie. Gangster, Nutten, Verzweifelte und Zukurzgekommene scheinen das große Glück zu machen, als sie auf einer Audiocassette einen Code finden, mit dem sich Geldwechselautomaten betrügen lassen. Doch der Erfolg ist von kurzer Dauer: Der Club, den sie gründen, siecht dahin, nachdem die attraktive Sängerin Glico von der Mainstream-Industrie abgeworben wird, und statt der anfänglichen Solidarität schlägt die nackte Gier durch. Bandenkriege und Chaos sind die Folge.

Swallowtail Butterfly ist ein inhaltlich wie formal gewagtes Experiment mit einem eigentümlichen, wenn auch konsequenten Sprachenwirrwarr, das letztlich - trotz seiner Länge von 146 Minuten - aufgeht: Iwais kühne Mischung aus MTV-Clip, Melodram, Gangsterfilm und Ethno-Musical, in faszinierende Bilder umgesetzt von Noboru Shinoda, vermittelt tatsächlich einen Eindruck davon, wie die Welt aussehen könnte, wenn die »Globalisierung« voranschreitet und der Yen/Dollar/Euro endgültig den Planeten regiert. So viel ist sicher: Die Verlierer werden in der Mehrzahl sein. Apocalypse Now. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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