— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Pollock

USA 2000. R: Ed Harris. B: Barbara Turner, Susan J. Emshwiller. K: Lisa Rinzler. S: Kathryn Himoff. M: Jeff Beal. P: Sony Pictures. D: Ed Harris, Marcia Gay Harden, Amy Madigan, Jeffrey Tambor, Bud Cort, John Heard, Val Kilmer u.a.
110 Min. Columbia ab 06.06.02

Kunst ohne Phantasie

Von Sascha Seiler Der amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut schuf in seinem Roman »Bluebeard« aus dem Jahre 1987 die Figur eines armenischen Einwandererkindes, das zum führenden Abstrakten Expressionisten in der New Yorker Kunstwelt der 50er Jahre wird. Verstärkt wird in seinem Roman auf den Stellenwert der amerikanischen Kunst prä-Pop eingegangen, und der Ich-Erzähler bemüht sich unermüdlich zu betonen, daß nicht etwa die Pop-Art, sondern der Abstrakte Expressionismus die erste in den USA geschaffene Stilrichtung ist, die zu universeller Bedeutung gelangte.

Das Scheitern der Figur liegt in der Unmöglichkeit begründet, Erfahrung, d.h. tatsächlich gelebtes Leben, auf einer anderen als der abstrakten Ebene zu verarbeiten. Die Grausamkeit der Welt verliert sich in den Leinwandattacken der Abstrakten Expressionisten in nicht konkreten Allegorien, und somit in der Wut und der Verzweiflung per se, und ignoriert bewußt die Möglichkeiten des Ausdrucks durch realistische Darstellung. Die Verfremdung dient somit nicht ausschließlich einem ästhetischen Zweck, sie dient vielmehr einem Verstecken der Wunden und schmerzvollen Erinnerungen, die im Künstler selbst schlummern.

Am Ende von »Bluebeard« erfährt man, was der armenische Künstler monatelang in seinem Schuppen verborgen hielt, nach dem Vorbild von Blaubart und seinen toten Frauen. Erst durch sein – aufgrund einer neuentdeckten Liebe und der mangelnden Nachfrage nach seinen Gemälden – Erwachen aus dem Traum der Abstraktion malte er ein Bild, wie es realistischer nicht sein könnte: 15 Meter Leinwand, die den Schrecken des II. Weltkriegs illustrieren, ein schmerzvolles Erinnern, das er tief in seinem Innern versteckt hielt. Die Abstraktion wird zur Negation der Realität, aber nicht aus ästhetischen, sondern vielmehr aus menschlichen Gründen.

Ed Harris versteht es in Pollock nicht, eine künstlerische Metapher für den Schmerz des Individuums zu finden, der es zur Abstraktion seiner Gedanken führt. Aber Harris stellt Pollocks Kunst auch nicht als rein ästhetisches, intellektuell überhöhtes Phänomen dar, als Kunst, hinter der das Individuum verschwindet. Er möchte den gebrochenen Menschen hinter seiner Kunst darstellen und versucht, einen abstrakten Künstler wie Jackson Pollock mit einem realistischen, stromlinienförmigen Film zu erklären. Das kann, bei aller Schauspielkunst von Ed Harris und Marcia Gay Harden, nicht funktionieren. Zu schnell findet man sich auf A Beautiful Mind-Pfaden wieder, wenn auch ohne Happy-End.

Zu keinem Zeitpunkt bekommt der Zuschauer den Künstler Jackson Pollock erklärt, obwohl Harris alles auf die untrennbare Verbindung zwischen Schöpfer und Werk setzt. Und genau deswegen ist dieser Film, obwohl durchaus unterhaltsam, interessant, gut gespielt und teilweise nett inszeniert, so mißlungen wie wenige Biopics vor ihm.

»Wahre Kunst ist ein Produkt der Phantasie«, sang die Hamburger Band Blumfeld vor ein paar Jahren. Diese hätte Harris gebrauchen sollen, um seinen Film auf eine andere, abstrakte Ebene zu transportieren. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap