— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Poem

D 2003. R,K: Ralf Schmerberg. B: Antonia Kainz. K: Darius Khondji, Robby Müller, Franz Lustig u.a. S: Rick Waller. P: Trigger Happy. D: Klaus Maria Brandauer, Meret Becker, Jürgen Vogel, David Bennent u.a.
91 Min. Ottfilm ab 8.5.03

Nichts für Puristen

Von Oliver Baumgarten Klaus Maria Brandauer spricht in Robby Müllers bewegungslose Kamera Heinrich Heines »Der Schiffbrüchige«. Das satte Schwarzweiß reißt tiefe Furchen in Brandauers Antlitz, seine Stimme bebt, die Augen heften sich an die Kameralinse, kein Zwinkern – und in der letzten Strophe benetzt es seine Lider. Ohne Schnitt und ohne Kamerabewegungen ist diese Episode in ihrer ästhetisierten Komposition von eindrucksvoller Schönheit und Perfektion.

»Der Schiffbrüchige« ist eines von 19 Gedichten, die Ralf Schmerberg mit enormem Prominenzaufgebot illustriert. Und so unterschiedlich die jeweiligen lyrischen Werke seitens Stilistik und Epoche (von Schiller über den unvermeidlichen Rilke bis zu Heiner Müller ist alles dabei), so vielfältig gestaltet sich ihre filmische Umsetzung.

Dergestalt entsteht ein bunter Strauß an Lyrikclips, ein formales Bildgewitter qualitativer Divergenz, das nie zu einer Einheit findet und auch niemals finden kann. Verschnaufpausen, die Augen und Ohren bräuchten, gibt es nicht. Auf Heine folgt Celan, folgt Rilke, folgt Tuengerthal, nur mit einem nüchternen Schnitt getrennt. Als Kurzfilm funktioniert beispielsweise »Der Schiffbrüchige« in der beschriebenen Schönheit wunderbar, als Teil einer Kompilation hingegen wesentlich weniger, weil er an Wirkung verliert.

Somit erscheint Ralf Schmerbergs Poem als ein gewagtes Experiment, indem er Lyrik als Konsumgut im Designerlook feilbietet und dabei die Sinne des Zuschauers – vergleichbar einer Musikclip-Sendung – in den Dauerrausch versetzt, wenn nicht gar überfordert. Das ist keineswegs verwerflich, alles ist Pop, das haben wir gelernt. Lyrikpuristen und Filmästheten allerdings werden dem Poem-Potpourri wohl kaum etwas abgewinnen können. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #30.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap