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Planet der Affen

Planet of the Apes. USA 2001. R: Tim Burton. B: William Broyles Jr., Lawrence Konner, Mark D. Rosenthal. K: Philippe Rousselot. S: Chris Lebenzon. M: Danny Elfman. P: 20th Century Fox. D: Mark Wahlberg, Tim Roth, Helena Bonham Carter, Estella Warren, Kris Kristofferson, Michael Clarke Duncan u.a.
120 Min. Fox ab 20.8.01

Der bessere Mensch

Von Dietrich Brüggemann Der Waldmensch wohnt im Wald und ist ein schlauer Kerl, schlauer als wir. Weil er keine Lust hat zu arbeiten, stellt er sich dumm und hängt in den Bäumen herum, läßt sich lange Haare wachsen und seine Babys wiederum an sich selbst herumhängen. So sehen die Ureinwohner von Sumatra ihren Kollegen im Wald. Der heißt in ihrer Sprache Orang Utan.

Der Affe als der bessere Mensch und der Affe als tierisches Zerrbild unserer selbst, zwischen diesen Ansätzen bewegten sich schon die Planet der Affen-Filme in den 60er und 70er Jahren, wobei sie die Entwicklung nachvollzogen, die die Betrachtung des Fremden und Exotischen in unserer eigenen Geschichte nahm: Aus dem Menschenfresser wurde der edle Wilde. Tim Burton hat einen neuen Beitrag zum Thema gedreht, der dieser Idee nichts Wesentliches hinzufügt. Doch er hat ihr eine neue Richtung gegeben.

Natürlich ist der Film mit grandiosen, künstlich-opulenten Bildern beladen, sonst wäre er nicht von Tim Burton. Nicht so makellos konsequent wie in Sleepy Hollow, etwas mehr in Richtung Jahrmarkt, was daran liegen mag, daß er in wechselnden Welten spielt. Kaum der sterilen Standard-Raumstation entwichen, landen wir mit Riesenradau in einem Abenteuer-Urwald, der sich nur unwesentlich von Luke Skywalkers Sumpf-Episode in The Empire Strikes Back unterscheidet, um gleich darauf in die Affenstadt entführt zu werden, die stilistisch zwischen Themenpark und Theaterkulisse schwankt. Und hier springen sie uns buchstäblich ins Auge: die Affen.

Die Affen! Sie sind großartig, sie sind einmalig, sie lassen jede Naturdokumentation aussehen wie schlechtes Schülertheater. In einer Szene, die in die Filmgeschichte eingehen wird, die alleine schon den Gang ins Kino lohnt, lädt ein in Ehren ergrauter Schimpansensenator seine Freunde zum Abendessen ein. Als letzter Gast erscheint ein alter, fetter Orang Utan, der sich beklagt, daß er kaum mehr auf die Bäume kommt. Ein einmaliger, ein grandioser Auftritt. Schon dieser Affe ist ein Weltstar. Gebt ihm einen eigenen Film, laßt ihn meinetwegen neunzig Minuten lang nur reden. Er hätte sich den Oscar redlich verdient.

Das fassungslose Staunen über die Perfektion der Maske hält lange an. Tim Roth ist als Affengeneral Thade nicht zu erkennen, allenfalls an seinem exaltierten Spiel als abgrundtiefer Bösewicht. Die Äffinnen sehen nicht ganz so überzeugend aus wie ihre Männer, was an dem Bemühen der Maskenbildner liegt, ihnen so etwas wie weiblichen Liebreiz zu verleihen, der beim echten Affen leider nicht vorkommt. Dennoch sind Menschen die besseren Affen, das steht nach diesen Szenen fest. Es gibt Momente, wenn beispielsweise das Fußvolk der Affenarmee mit Kriegsgeschrei auf allen Vieren zum Angriff bläst, da ist der Film ganz in einer anderen Welt, da verblassen die Konventionen des Kinos, weil man meint, das Original zu sehen.

Im Mittelpunkt, leider ohne Affenmaske: Mark Wahlberg. Er spielt einen aufrechten, langweiligen US-Air-Force-Piloten, der mit seiner Raumkapsel vom rechten Weg abgekommen ist. Mit seinem Funkgerät, das ihm den Weg zurück zum Mutterschiff weist, wird er zum Hoffnungsträger für die vom Affen geknechtete Menschheit. Zugleich entspannt sich zwischen ihm und der Äffin Helena Bonham Carter, die humanitäre (kann man das so sagen?) Anwandlungen hat, eine zarte Romanze.

Am Ende die Überraschung, die eh jeder schon kennt, Affenplanet gleich Erde, doch Burtons Film bringt hier eine neue Wendung: Der Pilot ist an allem selber schuld.

Burtons Film ist auf vielen Ebenen genießbar. Die Affe-Mensch-Konfrontation nutzt er für allerhand Verwechslungsspiele im Dialog, macht sich einen Spaß daraus, uns nachzuäffen, läßt Orang Utans sich mit Rosenblüten deodorieren und nachts das Gebiß herausnehmen. Die offenkundige Metapher auf Rassenkonflikte, auf Sklavenhandel und Unterdrückung läßt er zielsicher in der Schwebe zwischen Ernst und Verarschung.

Die Action ist solide, stellenweise wirklich beeindruckend. Da, wo der Film lustig sein will, klappt es nicht immer, und wenn ernstgemeinte Sprüche geklopft werden, kann man sich schon mal mit Grausen abwenden. So grandios die Affen sind, so lächerlich sieht der »Elektronensturm« aus, der uns zum Ort der Handlung bringt. Und das Ende lässt ahnen, wie die Fortsetzung aussehen wird.

Es gab in den vergangenen zwölf Jahren vier große Filme über einen Kerl namens Batman. Zwei waren von Tim Burton, zwei nicht. Die ersten beiden gelten unter Kennern als Kunst, die anderen zwei als dämlicher Flachsinn. Betrachtet man Planet der Affen und den Geist, der darin herrscht, so besetzt er ziemlich exakt die Mitte zwischen diesen beiden Extremen. Er ist spannend, überraschend und virtuos gemacht. Gleichzeitig spielt er mit seiner Welt wie ein aufgekratztes Kind vor dem Schlafengehen und fällt bisweilen auf die Nase. Aber selbst da weiß man nie, ob es nicht vielleicht Absicht war. 1970-01-01 01:00
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