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Pipermint… das Leben, möglicherweise

D/L/B 2003. R,B,S: Nicole-Nadine Deppé. K,S: Carsten Thiele. M: Meret Becker. P: Saxonia Media, Tarantula. D: Marek Harloff, Meret Becker, Sami Frey, Luisa Kaiser, Myriam Müller, Sebastian Jakob u.a.
92 Min. Basis ab 5.8.04

Ins Leben träumen

Von Oliver Baumgarten Mit der gleichen Todesverachtung gegen jegliche bürgerliche Vernunft wie einst Jean-Paul Belmondo in A bout de souffle steigt zu Beginn der von Marek Harloff gespielte Theo in sein Cabrio und übt sich in sturer Coolness. Von den Eltern bitter enttäuscht, hat er sich in eine eigene Welt geflüchtet. Der Zorn, der in ihm wohnt, bricht sich immer wieder Bahn, er möchte ihn umleiten, doch die Kanäle, die er dafür findet, kreuzen immer wieder Theos eigene Unreife. Manchmal flüchtet sich seine Energie dahin, den äußeren Schein von Verantwortung überzustreifen. In einem solchen Moment spielt sich dann der 20jährige zu einem Vaterersatz auf, zu einem stellvertretenden Familienoberhaupt für seine 16jährige Schwester Zoé und seinen 7jährigen Bruder Artur. Von dieser Rolle überzeugt ist Theo in diesen Momenten nicht – es ist einfach eines von vielen Ventilen.

Eines Tages, wenn auch eher widerwillig, setzt Theo seine Geschwister ins Cabrio, und türmt mit ihnen nach Kroatien. In einer Villa auf einer kleinen Insel nisten sie sich ein und tauchen ab in eine eigene Welt. Die drei verlieren sich in einem Rollenspiel aus Vater, Mutter und Kind. In einer erotisch aufgeladenen Stimmung spielen sie Familie – sie erträumen sich eine heile Welt, die sie niemals besaßen. Und dann verliebt sich Theo in die Kroatin Sanja. Der Traum der Familie zerbricht – ein weiteres Mal.

Vom frühen Godard über Kusturica bis hin zu Zulawski oder Birkin finden sich in Nicole-Nadine Deppés Debüt Pipermint unzählige Anspielungen auf die europäische Kinematographie. Weniger als gezielte Zitate, vielmehr als natürliches Ergebnis aus der Suche nach Atmosphäre und Bildern, die das fast Märchenhafte der verzweifelten und haltlosen Figuren zu treffen vermögen. In diesem Bestreben erreicht das Debüt von Nicole-Nadine Deppé zuweilen eine hohe Meisterschaft. Die warmen und ätherischen Kompositionen von Kameramann Carsten Thiele, die zum Teil märchenhafte Ausstattung von Christian Eisele, die somnambule Musik von Meret Becker und das eindringliche Spiel des Ensembles um Marek Harloff produzieren im Zusammenspiel eine fesselnde Poesie um Entwurzelung, Verwirrung und beherzte Träume. Deppés Umgang mit den Bildern und der zu Grunde liegenden Geschichte dürfte im Kontext des deutschen Films seinesgleichen suchen: Das mediterrane Setting geht organisch in der Ästhetik und Atmosphäre des Films auf und verbleibt nicht etwa als schnöde Kulisse für die Urlaubssehnsüchte Daheimgebliebener, wie dies in einschlägigen Werken immer wieder zu sehen ist.

Theo sucht mit seinen Geschwistern nach einem inneren Zuhause, nach dem, was Leben genannt wird. Was sie am Ende finden könnte es sein: das Leben, möglicherweise. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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