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Pingpong

D 2006. R,B: Matthias Luthardt. K: Christian Marohl. S: Florian Miosge. M: Matthias Petsche. P: Junifilm. D: Sebastian Urzendowsky, Marion Mitterhammer, Clemens Berg u.a.
89 Min. Arsenal ab 16.11.06

Vorstadtgartenstück

Von Tina Hedwig Kaiser Bungalow trifft Reifeprüfung trifft Swimmingpool (den alten): nein, so nicht, nicht nur, eigentlich auch ganz anders: Es ist Sommer; der 16jährige Paul besucht Onkel, Tante und Cousin, die in einem schicken 70er-Jahre-Bungalow im Grünen wohnen. Paul hat kein Geld, aber Ferien, sieht gut aus, ist nett und sportlich, und er leidet – ohne es vermutlich selbst realisiert zu haben. Sein Vater ist erst vor kurzem gestorben. Die Beerdigung liegt noch nicht lange zurück, sein Onkel hatte ihn damals wohl eingeladen – auch wenn dieser sich nun nicht mehr daran erinnern kann und die Familie über den unangemeldeten Besuch auch nicht wirklich begeistert ist.

Zumal Paul keiner ist, der über sich reden will. Keiner der sich öffnet. Und wenn er vorher dachte, daß jetzt die Ferien besser werden würden, dann muß er statt dessen den stillen Horror der Kleinfamilienidylle eines irgendwie auch wieder gemeinsamen grandiosen Understatements überstehen. Denn die ist leider noch härter als vieles, was er bisher gesehen hat: diskret und absurd grausam – und bestimmt ganz anders grausam als der von ihm entdeckte Selbstmord des Vaters. Und so merkt er zuletzt, daß auch er nur auf einer Suche nach etwas familiärem Halt und Nähe ist, die in dieser stilisierten Vollkommenheit gegen Wände rennen muß.

Wollte man jetzt von der wunderbaren wohlkadrierenden reduzierten a-psychologisierenden Berliner Schule schreiben, dann würde das auch alles irgendwie stimmen: Doch es kommt hier bereits die nächste Berliner Schule und das gar nicht direkt aus Berlin, sondern als Abschlußfilm aus Babelsberg. Matthias Luthardt hat tatsächlich ein geniales suspense-geladenes Gartenkammerspiel innerhalb der gutbürgerlichen Mittelschicht rund um Swimming-Pool-Bau, Klavierspielen, Langeweile und egozentrische Machtspiele mit einem wunderbaren Darstellerensemble vorgelegt. Mit kühlem, sachlichem Stil seziert er die scheinbare Harmonie einer Welt, in die der virile Paul aus wesentlich wackeligeren Verhältnissen einfach nur hereinbrechen kann. Denn Paul bleibt hier trotz allem der Fremde. Er kennt nicht die internen Abläufe und Befindlichkeiten, erobert sich zwar nach und nach Zimmer, Tischtennisbrett, Swimming Pool und die Frau des Hauses, aber muß dennoch vor einer unvergleichlichen Mischung aus Egozentrik, Kommunikationsunfähigkeit und Gefühlskälte kapitulieren: Er wird schlichtweg rangenommen. Die anderen haben Witz und Wahnsinn genauso wie Fremd- und Selbsthaß für sich gepachtet. Paul steht dem fassungslos gegenüber und ist doch mittendrin: ist zu ehrlich, zu trauernd, zu begehrend – vermutlich der einzige, der hier ansatzweise lebt.

So stellen sich nur einige wenige Blitzlichter des Austauschs, des kurzen Aufbrechens von gegenseitigem Verständnis oder ansatzweiser Kommunikation ein. Dies sind diejenigen, die mit der genauen Kameraarbeit von Christian Marohl perfekt korrespondieren: Nahaufnahmen, die nie aufdringlich werden, die immer so kadrieren, daß sie zaghaft und direkt zugleich wirken. Diese Momente sind keine betonten oder ausschließlichen und sowieso nicht viele, aber wenigstens soweit möglich, daß Paul den eigenen Absprung doch noch finden kann – mit der kurzen Teilnahme am Horror, um ihm letztlich zu entkommen. Ein Überlebenskampf ist selten so subtil und atemlos wie in diesem Vorstadtgartenstück gezeigt worden. 1970-01-01 01:00

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