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Pinero

USA 2001. R,B: Leon Ichaso. K: Claudio Chea. S: David Tedeschi. M: Kip Hanrahan. P: GreenStreet Films u.a. D: Benjamin Bratt, Giancarlo Esposito, Talisa Soto u.a.
103 Min. Highlight ab 18.7.02
Von Lisa Schneider Vom 18. Jahrhundert bis in die Romantik hinein galt Dichtung als Dokument der inneren Welt eines empfindsamen Subjekts. Eine Vorstellung, die irgendwann als naiv belächelt wurde, gab man sich doch Mühe, den Anspruch des Autors auf seinen Text zu bestreiten, indem man ihn kurzerhand für tot erklärte. Wenn man so will, zeigt Piñero vor diesem Hintergrund die Rückeroberung des Textes durch seinen Autor.

Leon Ichaso hat das Leben von Miguel Piñero verfilmt, der in den 70er Jahren nicht nur mit seiner sozialkritischen Dichtung in Amerika für Aufsehen sorgt, sondern vor allem auch aufgrund seiner persönlichen Biographie. Aufgewachsen in der Lower Eastside bringt Piñero das ganze soziale Elend zum Ausdruck, in das er sein Leben lang verstrickt war und immer verstrickt sein soll – als Dieb, Dealer und Junkie. Piñero kann nur ausdrücken, was Bestandteil seiner selbst ist, seine Dichtung ist Spiegel der eigenen Erfahrung und damit von gesellschaftlichen Zwängen und Mechanismen, die er zwar entlarven, aber nicht überwinden konnte. Wie darf man da noch auf die emanzipatorische Kraft der Kunst hoffen, wenn sie noch nicht einmal ihren Schöpfer befreit.

Bei Piñero lassen sich persönliches und literarisches Sein kaum trennen, geschickt spielt Ichaso diese Ebenen gegeneinander aus, bis der Zuschauer zwischen Piñeros provokanten Inszenierungen und seinem Alltag kaum noch zu unterscheiden vermag. Auch deshalb, weil sich Ichaso gegen eine chronologische Erzählweise zugunsten einer Collage aus Rückblicken entschieden hat. Auf der anderen Seite wird Piñero jedoch zu sehr auf solche Bilder festgelegt, die er selbst in seiner Dichtung heraufbeschworen hat. Denn: Wenn Text und Autor zur vollständigen Deckung gebracht werden, wenn es für den Autor kein Jenseits des Textes geben soll, dann ist er wohl wirklich tot. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #27.
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