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Pigs Will Fly

D 2002. R,B,S: Eoin Moore. B: Nadya Derado. K: Bernd Löhr. S: Oliver Gieth. M: Kai-Uwe Kohlschmidt, Warner Poland, Chris Whitley. P: Workshop BdR, ZDF. D: Andreas Schmidt, Thomas Morris, Laura Tonke, Kirsten Block u.a.
102 Min. Piffl ab 9.1.03

Psycho Slam

Von Sascha Seiler Als der Polizist Laxe von seiner Berliner Plattenbausiedlung nach San Francisco umsiedelt, sieht er sich mit einer Welt konfrontiert, die ihm unangenehm fremd und anziehend zugleich erscheint. Laxe, der seine Frau mehrfach krankenhausreif geschlagen hat, dem ein Disziplinarverfahren droht und der seinen Kopf von all diesen Dingen frei bekommen will, flüchtet zu seinem Bruder in eine Stadt, die sich, zumindest in Eoin Moores Darstellung, nicht größer von dem tristen Berliner Vorortleben unterscheiden könnte. Der Bruder ist Dichter, wohnt mit einer lesbischen Freundin und der Punk-Ausreißerin Inga aus Hannover in einer alternativen Wohngemeinschaft, die versucht, den Geist der ehemaligen Hippie-Metropole in einer Mélange aus Pseudo-Kunst und Bohème-Idealen aufrechtzuerhalten.

Schnell wird deutlich, daß Moore zwei Lebenskonzepte gegeneinander ausspielt: auf der einen Seite der sensible Intellektuelle, der tagsüber auf dem Flohmarkt Schrott verkauft und sich abends in Poetry Slams den Frust von der Seele rezitiert. Auf der anderen der Prolet, der die gleiche Angst in sich trägt wie sein Bruder, diese aber mit unkontrollierbaren Wutausbrüchen gegen Frauen zu besiegen sucht. Dieser nicht ausgelebte Konflikt zwischen den Brüdern verteilt zwar auf den ersten Blick sehr deutlich die Sympathien zugunsten des Künstlertypen, der sich durch Reflexion zumindest einen intellektuellen Zugang zum Umgang mit der eigenen Vergangenheit erarbeitet hat, entlarvt dessen Lebenskonzept aber auch als Flucht in eine Traumwelt. Vielmehr versucht Moore dem Zuschauer zu vermitteln, daß der selbst auferlegte kalte Entzug der eigenen Gewalttätigkeit ein deutlich höheres Maß an Kraft und Stärke erfordert als die Flucht in die Kunst, die gleichsam als Flucht in eine Kunstwelt gedeutet werden kann.

Als sich Laxe in Inga verliebt und der Weg in eine neue, bessere Zukunft geebnet scheint, weiß der Zuschauer längst, daß der Film auf seinen finalen, schrecklichen Höhepunkt zusteuert. Selbst der Tod des Vaters, der als tyrannischer, prügelnder Ehemann nach und nach als die Wurzel der psychischen Schäden und der unvermittelt auftauchenden Brutalität Laxes präsentiert wird, kann den Weg in ein neues, besseres Leben nur zeitweilig ebnen – zu festgefahren sind die eingeprägten Verhaltensschemata. In einer der wenigen wirklich schlechten Szenen dieses Films droht Laxe seiner Frau, sie totzuprügeln. Er sieht sich mit erhobener Faust gespiegelt im Porträt des jüngst verstorbenen Vaters und erschrickt. Zum Glück verzichtet der Regisseur im weiteren Verlauf des Films auf solch mißlungene Erklärungsversuche, sondern konzentriert sich weiterhin auf die scheinbare Selbsttherapie seines Protagonisten, die letztendlich nur ein Abstieg in die Hölle ist.

Die Metapher im Titel des Films, die fliegenden Schweine, kann als klare Absage an den Glauben an einfache Erklärungen gedeutet werden, die man dem Film im ersten Moment selbst unterstellen mag. Doch das dramatische, offene Ende zeigt, daß es Moore nicht darum geht, ein Sozialdrama zum Gutmenschenfilm zu machen, sondern sich ausschließlich auf die Darstellung menschlichen Leids zu konzentrieren, aus dem es allem Anschein nach keinen Ausweg gibt. In der letzten Einstellung des Films sieht man durch die Augen Laxes mit taumelndem Blick auf einen Fluß – ob er springen wird, bleibt auf den ersten Blick offen. Der Lauf des Flusses aber soll den Zuschauer darauf hinweisen, daß Laxes Leben weiterhin seinen gewohnten Weg gehen wird. Es wird weitere Opfer geben. Die Schweine werden nicht mehr lernen zu fliegen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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