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Das Phantom der Oper

The Phantom of the Opera. USA/GB 2004. R,B: Joel Schumacher. B: Andrew Lloyd Webber. K: John Mathieson. S: Terry Rawlings. M: Andrew Lloyd Webber. P: Really Useful Films, Joel Schumacher Prods.. D: Gerard Butler, Emmy Rossum, Patrick Wilson, Miranda Richardson u.a.
142 Min. Concorde ab 16.12.04

Wenn schon, dann richtig

Von Dietrich Brüggemann Dieser Film kommt zwölf Jahre zu spät.
Und das ist das beste, was ihm passieren konnte.

Die Musicals des Andrew Lloyd Webber eroberten in den 80er und 90er Jahren die Welt, wuchsen zu gigantischen Massen-Mainstream-Ausflugszielen samt Logo, Businessplan und Merchandising-Rattenschwanz, von denen man sich irgendwann nur noch mit Grausen abwenden konnte. Dann ließ die öffentliche Hysterie nach, heute fallen die versprengten Cats- und Starlight-Express-Inszenierungen nicht mehr so ins Gewicht, und der Film kriegt dadurch einen sympathischen Revivalcharakter – das Motiv mit Maske, Rose und zersplittertem Schriftzug hat man seit einer Weile nicht mehr gesehen, es nervt nicht mehr, sondern berührt irgendwo schon nostalgisch.

Anders als andere Webber-Musicals, in denen Menschen Katzen oder Eisenbahnzüge verkörpern, eignet sich die Geschichte von der jungen Sängerin, die sich in das rätselhafte Phantom verliebt, ja eigentlich ganz gut fürs Kino, und Webber wollte es eigentlich auch schon 1990, kurz nach der Premiere, verfilmen lassen. Dann aber ging seine Beziehung zur Muse und designierten Hauptdarstellerin Sarah Brightman in die Brüche, und das Projekt verschwand auf der langen Bank. Webbers Wunschregisseur, der vielseitige Joel Schumacher, versuchte sich in der Zwischenzeit an jedem Genre, das nicht bei drei auf den Bäumen war, drehte mit gut gelauntem Gleichmut großartige, gute und grauenvolle Filme und hatte dann mal wieder Zeit.

Zur Sache: Es ist die volle Breitseite. So einen Film gab es lange nicht mehr. Vielleicht noch nie, mal abgesehen von Moulin Rouge. Aber dieser ist konsequenter: Spätestens ab der Hälfte wird eigentlich nur noch gesungen, vorher auch schon die meiste Zeit. Webbers Melodien sind immer noch geniale Gassenhauer, neben denen die meiste zeitgenössische Filmmusik so saft- und kraftlos aussieht, wie sie ja auch ist. Schon Kubrick wußte, daß großartige Musik auch großartige Filmmusik ist, Schumacher tut das richtige, feuert aus allen Rohren und treibt den visuellen Bombast in neue Regionen. Allein der Moment ganz zu Anfang, als der verstaubte, abgestürzte Kronleuchter enthüllt wird, mit einem gewaltigen Orchesterschlag zum Leben erwacht, in die Höhe fährt und uns vierzig Jahre in die Vergangenheit trägt, wiegt zwei Stunden zurückhaltendes, fein beobachtetes, realitätsnahes Kunstkino auf – denn Realität gibt's auch in der Realität, so etwas hingegen nicht.

Und da ist die Hauptdarstellerin noch nicht mal aufgetreten. Emmy Rossum, gerade 18 oder 19 oder vielleicht inzwischen auch schon 20, war schon in ihrer kleinen Rolle in The Day After Tomorrow als frierende Freundin des Helden schön wie ein Madonnengemälde – hier, als Christine, gehört ihr der Film ganz allein. Dieser Frau steht eine grandiose Karriere bevor, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, denn solch ein Aussehen, solch eine Leinwandpräsenz, solch einen beseelten Auftritt gab es zuletzt bei Natalie Portman in Leon, der Profi und davor vielleicht bei der jungen Julia Roberts oder auch nicht. Daß die beiden Herren, die um ihre Gunst werben, schwächlich besetzt sind, ist traurig, aber egal.

Seit den Anfängen des Kinos gibt es im Wesentlichen zwei Richtungen – Realität und Fiktion, Diesseits und Jenseits, Nüchternheit und Rausch, Tag und Traum. Wie immer man es nennen will – von diesen zwei Ideen ist die rauschhafte, inszenierte dem Wesen des Spielfilms letztlich näher (denn die andere Schule, die realistische, zeigt in ihrer reinsten Ausformung weg von der Inszenierung, hin zum Dokumentarfilm) – somit hat Joel Schumacher eigentlich einen puristischen Film gedreht. Pure Inszenierung, Rausch in Reinkultur, anders als Baz Luhrmans sonst sehr vergleichbarer, bereits erwähnter Moulin Rouge, aber kein bißchen postmodern und damit noch ein Stück atemberaubender.

Der Schlüssel dafür liegt am Ende aber möglicherweise doch im Verzicht – und zwar auf einen traditionell agierenden Filmproduzenten. Webber hat selber produziert, sich um die Musik gekümmert und Schumacher ansonsten weitgehend machen lassen. Und das ist es auch, was Das Phantom der Oper so besonders macht – es gibt kein Netz, keinen doppelten Boden, keine jener Absicherungen nach allen Seiten, die Filme von diesem Blockbusterformat sonst haben, um auch ja niemanden zu verschrecken und allen zu gefallen. Kein Komitee von zwanzig Geldgebern durfte Bedenken äußern, niemand hat ängstlich darauf geschaut, daß die Investoren ihre Investitionen zurückkriegen, denn Webber hat selber einerseits genug verdient und weiß andererseits, daß der Film auch als Katze im Sack funktionieren wird – und diese souveräne Gelassenheit funktioniert. Die Formelhaftigkeit, in der die meisten aktuellen Großproduktionen durch ihre eigene Größe erstarren, die ideenlose Aufgeblasenheit, die die ganzen Möchtegernblockbuster so unerträglich macht, fehlt hier gänzlich. Der Film beschränkt sich auf seine Stärken, es gibt keine lustigen Sidekicks, keine doofen One-Liner, keine übergestülpten Story-Formeln, kein größenwahnsinniges Supermonsterfinale und keine halbgaren Digitaleffekte.

Ein millionenteurer Mainstreamfilm, der weiß, was er will, der genau das und nichts anderes mit Grandezza auf die Leinwand bringt, und dem nicht nach fünf Minuten die Puste ausgeht – daß wir das noch erleben dürfen, ist wundervoll. 1970-01-01 01:00
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