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Les petites couleurs

F/ CH 2002. R: Patricia Plattner. B: Jean Bobby, Sarah Gabay, Patricia Plattner. K: Matthias Kälin. S: Jeanetta Ionesco, Maya Schmid. M: Jacques Robellaz. P: Canal+, Light Night u.a. D: Anouk Grinberg, Bernadette Lafont, Philippe Bas, Gilles Tschudi u.a.
94 Min. Neue Visonen ab 16.9.04

Zauber der Realität

Von Franziska Nössig Wenn man sich über das Genre »Arie« lustig machen will, dann wäre eine Möglichkeit, mitten im Dialog in einen Sprechgesang zu verfallen und die eigene Rede mit einem monotonen Singsang zu unterlegen. Ähnlich wie die Predigt des Pfarrers. In dieser Weise vertont, klingt echte Verzweiflung dann genau so unemotional wie der Wunsch, einkaufen zu gehen.

Patricia Plattner hat diese Form des Rezitativs als einen essentiellen Bestandteil in ihren neuen Film integriert, und wenn sie sich auch nicht in erster Linie lustig machen will, so ist ihr doch ein komisches Element gelungen. In Les petites couleurs schmachten die Hauptdarstellerinnen regelmäßig bei der Fernsehserie »Le Ranch de l'amour«, tatsächlich eine Seifenoper, in der die Akteure ununterbrochen »sprechsingen«. Der Inhalt des nostalgischen Kostümdramas: Eigenwillige Bürgerstochter offenbart der Welt ihre Liebe für einen Indianer. Herrlich schrecklich. Plattner produzierte dieses Fernsehformat mit Schweizer Schauspielern speziell für den Film – es ist das Sahnehäubchen im Alltag von Christelle und Mona. Christelle ist Friseuse in einem Provinznest und lebt zitternd unter dem Jähzorn ihres Mannes Francis. Nach einem Handgemenge verläßt sie ihn und fährt ziellos davon. Im »Galaxy Motel« irgendwo an der Autobahn sucht sie ein Bett und Ruhe, doch es scheint, als sei sie vom Regen in die Traufe gekommen: Halb finstere Fernfahrer kehren hier ebenso ein wie unheimliche Handelsreisende. Doch »Madame Mona«, die gute Seele der Bettenburg, bezieht Christelle schnell in das hier herrschende familiäre Flair ein. Monas humorvoller Realismus reißt Christelle mit und sie entdeckt im Motel ihre Eigenständigkeit. Beinahe unbemerkt beeinflussen sich die beiden Frauen gegenseitig. Christelles Gespür für Farben verwandelt sowohl Mona als auch ihr Motel. Und Mona lehrt Christelle im Gegenzug, das Leben verschmitzter und lockerer zu sehen.

Anouk Grinberg ist eine liebenswerte und anfangs sogar mitleiderregende Christelle. Als diese ihre selbstbewußte Seite entdeckt, ist das stringent erzählt und glaubhaft, wenn auch nicht herausragend experimentell. Bernadette Lafont ist bekannt durch ihre Rollen in Filmen von vor allem Chabrol und Truffaut. In Les petites couleurs scheint es jedoch, als hätte sie nie eine andere Rolle gespielt als die lebenslustige, schnippische, jung gebliebene Mona. Lafont kokettiert mit ihrer Rolle und hat stets ein leichtes Lächeln auf den Lippen oder ein wissendes Grinsen im Augenwinkel. Was weiß sie, was wir nicht wissen? Ist dies das Grinsen von Mona oder Bernadette? Neben so viel reifem Charme wirkt Anouk Grinberg, wenn auch erwachsen, einfach nur sehr niedlich.

Insofern paßt es auch zu ihr, daß sie mit viel Herzklopfen ihren Kleine-Mädchen-Traum auspackt: »Belles Boucles«, eine technische Neuheit, die wunderschöne Locken zaubert. Das kuriose Gerät erinnert an ein übergroßes Exemplar aus der Barbie-Kollektion: Plastikschälchen und -utensilien in den Farben rosa und lila. Erstaunlicherweise funktioniert der Apparat trotz allen Schnickschnacks und Christelles fahrender Friseursalon wird zu einer Attraktion. Die Ähnlichkeit mit dem Märchen ist an dieser Stelle nicht mehr von der Hand zu weisen. Neben der rosa Wundermaschine – als wären Locken im 21. Jahrhundert eine Sensation – und der kitschigen Fernsehserie ist es die Narration selbst, die an das Grundmuster der Grimmschen Erzählungen erinnert: Die arme aber gute Heldin sucht Unterschlupf und wird von der guten Fee aufgenommen. Diese zeigt ihr, sich dem Bösen zu stellen und hilft ihr, sich erneut in der Welt zurecht zu finden. Und was wäre ein Märchen ohne »l'amour«? Französisch leicht beleuchtet der Film die unterschiedlichsten Beziehungen, zeigt, wie schön, schmerzhaft, verunsichernd Liebe sein kann. Ganz sacht und ohne seinen Zauber einzubüßen findet das Märchen immer wieder den Anschluß an die Realität. Es ist sich zudem nicht zu schade, sich selbst und seine Heldinnen in der Fernsehserie zu parodieren. Mona und Christelle holen sich mit »Le Ranch de l'amour« ein bißchen Märchen in ihre Wirklichkeit. So herzerwärmend der Leiergesang auch ist, auf Dauer bedeutet er selbst für die beiden Frauen nicht die Welt. 1970-01-01 01:00
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