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Peter Pan

USA 2003. R,B: P.J. Hogan. B: Michael Goldenberg. K: Donald M. McAlpine. S: Garth Craven, Michael Kahn. M: James Newton Howard. P: Mohamed Al Fayed, Jocelyn Moorhouse, Gail Lyon. D: Jason Isaacs, Jeremy Sumpter, Rachel Hurd Wood, Ludivine Sagnier u.a.
107 Min. Columbia TriStar ab 1.4.04

Einen für Mama, einen für Papa…

Von Dietrich Brüggemann Erinnert sich noch jemand an die antiautoritäre Erziehung? Es ist ja noch nicht so lange her, da gab es ein ganzes System aus antiautoritären Eltern, Erziehern, Kinderbüchern, Spielzeugen, Fernsehsendungen, und man hatte die Hoffnung, daß Kinder ohne die Repressions- und Prügelpädagogik, mit der man selbst aufgezogen worden war, sich ganz von selbst zu unbeschwerten Menschen entwickeln würden, frei von all den Komplexen und Narben, an denen man selbst so schwer trug.

Nun sind die antiautoritär erzogenen Kinder erwachsen und haben selbst Kinder. Antiautoritär ist da gar nichts mehr. Das Leben ist hart, Studienplätze sind spätestens in ein paar Jahren teuer, Arbeitsplätze Mangelware, das soziale Netz ist löchrig, der Absturz tief, Kinder sollen funktionierende Glieder der Gesellschaft werden, und die Regierung macht Werbung für Ganztagsschulen. Vielleicht war es in England vor hundert Jahren ähnlich, als der Urgroßvater aller antiautoritär erzogenen Kinder auf den Plan trat: Peter Pan.

Mitten hinein in die viktorianische Ständegesellschaft setzte der Schriftsteller J.M. Barrie seine Geschichte vom wilden Jungen, der nicht erwachsen werden will, der fliegen kann und die Erinnerung an seine Eltern längst aus dem Gedächtnis verloren hat. Peter Pan wurde ein weltweiter Dauererfolg, wahrscheinlich, weil er einige prinzipielle Fragen des Erwachsenwerdens und des Menschseins in griffige und unterhaltsame Bilder übersetzte, weil er den grenzensprengenden Traum vom Davonfliegen am Ende doch versöhnlich ausgehen ließ und die Rahmenbedingungen nicht fundamental in Frage stellte.

Vor zwanzig, dreißig Jahren, als die Zeiten antiautoritär waren, da hatte der eigentlich dann doch affirmative Peter Pan nicht viel zu melden. Man träumte nicht vom Abhauen, man stieg aus und las Michael Ende oder erfreute sich an den brachialen Geniestreichen eines Roald Dahl. Die Zeiten haben sich geändert, Peter Pan ist wieder da und erobert die Leinwände gleich neben seinem entfernten Verwandten, dem Musterschüler Harry Potter.

P.J. Hogan, mit Muriel's Wedding und My Best Friend's Wedding bisher Fachmann fürs Heiraten, inszeniert diesmal ein Kinoabenteuer für die ganze Familie: Mama kann die schönen Bilder bewundern, Papa erfreut sich an Ludivine Savignier als Fee Tinkerbelle, die Kinder kriegen Krokodile, Action und Remmidemmi. Ganz so niederträchtig darf man es dann aber doch nicht sagen, denn die Bilder von Donald MacAlpine sind in der Tat atemberaubend, er wendet sich nämlich genauso entschlossen wie schon seinerzeit Moulin Rouge von der Realität ab und diesmal der romantischen Malerei zu, und Ludivine Savignier sieht nicht nur toll aus, sondern spielt auch toll. Jeremy Sumpter in der Hauptrolle ist ein hochprofessionelles amerikanisches Showbiz-Whiz-Kid, dem man nichts vorwerfen kann, außer daß er halt ein amerikanisches Showbiz-Kid ist, garantiert nicht antiautoritär erzogen, sondern vermutlich seit dem Windelalter auf Performance gedrillt. Die Geschichte ist nah am Original (übrigens ein Theaterstück und erst später ein Roman) erzählt, es wird nie wirklich gefährlich, aber auch nie wirklich langweilig.

Papa wünscht sich allenfalls, daß Mademoiselle Savigniers Rolle etwas größer wäre – nicht die Figur, deren handliche Größe ist gerade richtig – und Mama findet das ganze mit dem Krokodil dann doch ein wenig brutal für die Kinder. Die haben aber nichts dagegen. Die Tochter hätte zwar gerne eine etwas energischere Identifikationsfigur, aber das ist ja immer das Problem, daß die Jungs die ganze Action abkriegen, daher teilt sie ihre Sympathie zwischen der etwas lahmen Wendy und dem entschlossenen Peter. Mädchen können das.

Was an Peter Pan wirklich sehenswert ist, ist eine Sequenz von vielleicht zwei Minuten, die schon nach der ersten Viertelstunde kommt. Peter Pan nimmt die Kinder mit in sein Reich – sie fliegen einfach davon, über die Dächer von London und hinaus ins Weltall, an bunten Planeten vorbei ins antiautoritäre Neverland, wo ein feuriges Sonnenrad aus den Wolken hervorblickt. Die Musik ist an dieser Stelle nicht mehr die Hollywood-übliche Soundtracksoße, Komponist James Newton Howard haut mal richtig in die Tasten und schenkt uns einen schön autoritären, krachigen Popsong ohne Gesang, das ganze ist bildgewaltig, atemberaubend und zum Heulen schön.

Der Rest ist auch sehr schön. Muß aber nicht sein. 1970-01-01 01:00
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